Nicht mehr Narr der Mächtigen – Seite 1

Von Werner A. Perger

Heidelberg

Wenn einer, der aus der Theorie in die Praxis wechseln möchte, plötzlich vor der Entscheidung steht, ob er als Abgeordneter nach Bonn oder als Bischof nach Berlin geht, muß er schon ein bißchen mit sich ringen. Das ist kein alltägliches Dilemma für politisch engagierte Menschen, ein anderer Fall als der des 51jährigen Heidelberger Theologen Wolfgang Huber ist denn auch nicht bekannt.

Besonders verwunderlich ist das aber auch wieder nicht. Man kann sich den streitbaren Protestanten in der Tat in beiden Rollen recht gut vorstellen, als aktiven Politiker, wenngleich nicht als Hinterbänkler, und als Mann der Kirche, wenngleich nicht mehr als Vikar (was er immerhin einmal zwei Jahre lang war, in Reutlingen).

Wolfgang Huber hat sich inzwischen entschieden und der SPD abgesagt. Die Heidelberger Parteifreunde werden einen anderen Ersatz für Hartmut Soell, den Historiker, suchen müssen. Vergangene Woche wurde Huber als Nachfolger von Martin Kruse zum nächsten Bischof von Berlin-Brandenburg gewählt.

Ein schwieriger Posten in schwerer Zeit. Als er sich im Oktober in der (Ost-)Berliner Gethsemane-Kirche den Synodalen von Berlin-Brandenburg vorstellte, eröffnete Wolfgang Huber seinen Vortrag mit einem Zitat des Berliner Pfarrers Friedrich Schleiermacher aus dem Jahre 1808: "Daß unser Kirchenwesen in einem tiefen Verfall ist, kann niemand leugnen." Und daran knüpfte er eine Zustandsbeschreibung des Protestantismus, die Dietrich Bonhoeffer im August 1944 im Tegeler Gefängnis niedergeschrieben hatte: "Entscheidend: Kirche in der Selbstverteidigung. Kein Wagnis für andere." Der Blick auf frühere Krisenerfahrungen könne davor bewahren, folgerte Huber daraus, "unsere eigene Situation zu schwarz zu sehen". In der Sorge sei auch Hoffnung erkennbar: "In einem Gegenwind kann auch ein Aufwind stecken."

Vielleicht hätte der Professor für Systematische Theologie auch als Politiker zunächst nach Anhaltspunkten für Hoffnung suchen müssen. Die Krise der Volksparteien kommt, wie die Sozialwissenschaftler versichern, aus derselben Wurzel wie die Krise der "Volkskirchen" (und der Massenorganisation Gewerkschaft): aus den sozialen Veränderungen der Postmoderne, dem Wertewandel, der Individualisierung, dem Abbau von politischen Loyalitäten und dem Verlust von sozialen Bindungen. Zur Überwindung der Parteienkrise hätte der Heidelberger Abgeordnete Huber allerdings erheblich weniger beitragen können, als der Berlin-Brandenburger Bischof vielleicht für seine Kirche erreichen kann. Das war es wohl auch, was ihn schließlich das angebotene Mandat ausschlagen ließ und dazu bewog, sich um das Kirchenamt in Berlin zu bewerben.

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Wolfgang Huber tritt dort, wenn er im nächsten Frühjahr die Arbeit aufnimmt, nicht nur das Erbe von Otto Dibelius an und die Nachfolge von Kurt Scharf und Martin Kruse. Er ist dann auch – das betont er im Gespräch – der Nachfolger der "ostdeutschen" Bischöfe Albrecht Schönherr und Gottfried Forck. In seiner Kirchenprovinz vereinen sich, wie im politischen Großberlin mit seinem Brandenburger Umland, die Problemlagen der vereinten Republik: West und Ost, Stadt und Land, Arm und Reich, Alt und Neu. Das ist das besonders Besondere an dieser Aufgabe, die der Theoretiker sich für seinen Wechsel in die Praxis gewünscht hat.

So ganz fern der Praxis, wie man meinen könnte, wenn man ihm in seinem kleinen Professorenzimmer in Heidelberg gegenübersitzt, ist Wolfgang Huberallerdings gar nicht gewesen. Als Wissenschaftler hat er sich zunehmend Fragen der Ethik gewidmet, was unausweichlich ist, wenn man sich außerdem kritisch mit Kirche und Öffentlichkeit und dem Verhältnis von Kirche und Staat beschäftigt. Dabei ist er immer auf Distanz zur Macht und den Mächtigen geblieben. Ist das aber gleichbedeutend mit Distanz zur Praxis? Als er einmal über die ethischen Grenzen der naturwissenschaftlichen Forschung zu reden hatte und dabei nach der Fähigkeit der scientific Community fragte, neben der Wahrheitssuche auch "die Selbstbegrenzung als verbindliche Leitidee des wissenschaftlichen Ethos durchzusetzen", da fügte Huber hinzu, der Ethiker könnte dies eben nur als Frage formulieren: "Das allein entspricht seiner Rolle – als Narr am Hof der Mächtigen."

Die Koketterie des Hofnarren, der seine "Ohnmacht" und deren Einfluß zu nutzen weiß. Wolfgang Huber hat den "Mächtigen" im Staat und auch den Amtsträgern seiner Kirche gelegentlich gehörig eingeheizt: in der Auseinandersetzung um die "Nachrüstung" der Nato, im Konflikt um politische Wege aus dem Ost-West-Konflikt, im Streit um die "Gerechtigkeit" von Krieg, besonders des Golfkriegs, in der Debatte um neue Aufgaben der Bundeswehr, im innerkirchlichen Disput um die Militärseelsorge.

Für Besucher und Teilnehmer der beiden ersten Kirchentage der achtziger Jahre – Hamburg und Hannover – sind die Kontroversen um das Konzept der nuklearen Abschreckung noch lebhaft in Erinnerung (in Düsseldorf, 1985, amtierte Huber bereits als Kirchentagspräsident). So wird sich gewiß auch Hans Apel des Hamburger Kirchentags entsinnen, als er, der damalige Bundesverteidigungsminister, in einer der Messehallen nicht so sehr mit den aggressiven Sprechchören ("Apel raus") als mit der argumentativen Schärfe eines jungen Theologen namens Huber zu kämpfen hatte. Dessen Forderung nach Einbeziehung außerparlamentarischer Positionen in den Entscheidungsprozeß überstieg das Verständnis des Politikers. Unvergeßlich blieb Wolfgang Huber die Szene, als Apel sich auf dem Podium zurückneigte und ihm, hinter dem Rücken der anderen Diskussionsteilnehmer, erbost zuraunte: "Sie haben mir ein schönes Demokratieverständnis."

Störend, unbequem, widersprechend: So wurde Huber von denen da oben immer wieder empfunden, daran wird sich nicht viel geändert haben. Wenn er heute die Fehlentwicklung in der sicherheitspolitischen Debatte kritisiert, rührt er abermals an den Nerv der "Mächtigen". Die tiefsinnige Suche nach der neuen Rolle der deutschen Außenpolitik im allgemeinen und für die Bundeswehr im besonderen hat Huber schon vor Somalia in gewohnter Schärfe analysiert: "Gegenwärtig erleben wir nicht etwa den Versuch, eine neue friedenspolitische und menschenrechtsorientierte Rolle Deutschlands zu definieren und für sie einen breiten gesellschaftlichen Konsens zu suchen. Sondern es wird der Versuch unternommen, die ‚Kultur der Zurückhaltung‘ im Gebrauch militärischer Gewalt schrittweise aufzulösen."

"Schönes Demokratieverständnis", unverschämte Einmischung, unerbeten und verdächtig, wie seinerzeit. Vor einer "Gott mit uns"-Ideologie warnte der bisher letzte sozialdemokratische Bundeskanzler schon auf dem Hamburger Kirchentag. Die Kirche solle sich mehr um die "letzten Dinge" kümmern, anstatt sich in die "vorletzten" – die irdische Politik – einzumischen, empfahl der CDU-Generalsekretär nach dem Hannoveraner Kirchentag. Wer aus der Friedens- und Abrüstungsproblematik eine "religiöse Bekenntnisfrage" mache, verkündete später ähnlich der Christdemokrat Wolfgang Schäuble, der neige "zu einer antidemokratischen und totalitären Haltung".

Doch ist ein guter Christ, so fragt Wolfgang Huber die Herren am "Hof der Mächtigen", nur derjenige, der jede legale politische Entscheidung "als gleich gültig" akzeptiert, egal welchen Inhalts? Das hieße doch: Wer für sich die Einheit zwischen seinem christlichen Glauben und seiner politischen Verantwortung zu wahren sucht, der macht sich der "Demokratieunfähigkeit" verdächtig. Von denen aber "gab und gibt es zu wenige".

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Wolfgang Huber, geboren im August 1942 in Straßburg, aufgewachsen in Freiburg, hat sich früh für Geschichte interessiert. Nach seinem Theologiestudium widmete er sich zunächst auch der Kirchengeschichte und veröffentlichte in Zusammenarbeit mit seinem Vater, dem Staatsrechtler Ernst Rudolf Huber, bereits 1973 den ersten Band "Staat und Kirche im 19. und 20. Jahrhundert". Daß sein Vater versucht hatte, sich mit den Nazis durch verfassungsrechtliche Interpretationen zu arrangieren – und deshalb nach Kriegsende zunächst berufliche Schwierigkeiten bekam –, hat sich dem jungen Wolfgang Huber erst allmählich eröffnet. Durch einen Zeitungsartikel stieß er zum ersten Mal darauf. Seine Reaktion, so erinnert er sich, war zunächst Abwehr, danach stille Aufarbeitung und allmähliche Bewältigung. Ein gründliches, offenes Gespräch hat nicht stattgefunden – scheues, vielleicht verschämtes Schweigen. Eine deutsche Familie. Für den künftigen Bischof ist es keine Frage, daß ihn nicht zuletzt diese Erfahrung, dieser schwierige innere Prozeß stark geprägt hat.

Schweigen und Verdrängen sind für ihn auch keine geeignete Methode zum Umgang mit der Stasi-Vergangenheit im Osten, ebensowenig aber die Sucharbeit der Gnadenlosen. Aufklärung werde notwendig bleiben, sagt er, "unter Rücksichtnahme auf die Integrität der Person". Nicht zuletzt zum Schutz derer, die zu Unrecht verdächtigt wurden. Spricht aus ihm die Weisheit des Narren, der zum Bischof wurde?