Die japanische Börse erschien im Spätsommer dieses Jahres vielen ausländischen Investoren als sichere Wette. Nach dem Regierungswechsel im August stand das politische Barometer auf Reformen. Die Wirtschaft würde, so die Erwartung, von lästigen Verkrustungen befreit. Außerdem hatten Zinssenkungen überall in der Welt für kräftige Kurssteigerungen an den Aktienbörsen gesorgt. Warum sollte nicht endlich auch in Japan der Funke überspringen. Also schickten Fonds, Versicherungen und Pensionskassen Milliarden nach Tokio. Allein im September kauften Ausländer für 286 Milliarden Yen (4,5 Milliarden Mark) japanische Aktien.

Doch nachdem die Bank von Japan den Diskontsatz auf das beisspiellos niedrige Niveau von 1,75 Prozent gedrückt hatte, fielen prompt die Kurse. Seit seinem jüngsten Höchststand im vergangenen September büßte der Nikkei-Index mehr als zwanzig Prozent ein. Als die Kurse am Montag dieser Woche nochmals um knapp vier Prozent absackten, tippten viele auf einen weiteren Fall der Aktienpreise. Der Grund: Die Japaner teilen den Optimismus der Ausländer nicht. Zwar stimmen auch sie darin überein, daß sich die bevorstehenden Reformen langfristig positiv auf die Wirtschaft auswirken werden. Doch so weit reicht der Blick der Börsianer derzeit nicht. Viel nachhaltiger wirkt noch der Schock der japanischen Rezession, die in ihrer Dauer und Härte allen Voraussagen trotzt. Selbst die Konjunkturprogramme der Regierung heiterten die Stimmung bisher nicht auf.

Bisher waren andere Gründe für den Sturz der Aktien verantwortlich gewesen: die Spekulationsblase der achtziger Jahre, die Insider- und Korruptionsskandale der Politiker, die dubiosen Übereinkünfte zwischen Finanzministerium und Wertpapierhäusern. Jetzt fehlen solche Sündenböcke. "Angebot und Nachfrage bestimmen den Markt", kommentiert Premierminister Morihiro Hosokawa knapp die Börsenereignisse. Von Eingriffen der Regierung ist nicht mehr die Rede.

Tatsächlich entdecken die japanischen Anleger damit erstmals seit langem die Lage der Unternehmen als Bestimmungsfaktor der Aktienkurse. Selbst für viele ausländische Börsenbeobachter in Tokio beginnt jetzt erst die richtige Arbeit: "Noch letztes Jahr mußte ich meine Zeit mit den Bürokraten vertrödeln, um zu erfahren, wie es an der Börse weitergeht", bekennt Jesper Koll, Chef Ökonom von Warburg Securities in Tokio, "heute schicke ich meine Mitarbeiter in die Firmen zum Recherchieren." Da aber steht vieles nicht zum besten. Ein Drittel der an der Tokioter Börse notierten Unternehmen schreibt Verluste. Private Wirtschaftsinstitute sagen derweil für 1994 sinkende Unternehmensprofite im vierten Jahr in Folge voraus.

Gleichzeitig gibt es jedoch neue Chancen zu entdecken. Während das Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) im Marktdurchschnitt immer noch bei sagenhaften 70 liegt, reduziert es sich unter Nichtberücksichtigung der Bankaktien schon auf 40. Einzelne Aktien erscheinen heute fast billig: Nintendo, Hersteller und Vertreiber elektronischer Spiele, wird derzeit mit einem KGV von 14 gehandelt, Fuji Photo Film mit 15. Statt wie bisher nur auf Kurssteigerungen können Investoren in Tokio zumindest in Einzelfällen sogar wieder auf die Dividenden schauen. Damit gewinnt die Börse ihre marktwirtschaftliche Grundlage zurück. Die richtige Zeit für den Einstieg an der Tokioter Börse kommt damit erst noch. bl/kö