Wenn der erfolgreichste und rigoroseste deutsche Kinderbuch Macher nach fünfjähriger Pause sein neuntes Jahrbuch der Kinderliteratur ankündigt, schrauben sich die Erwartungen - bei Freund und Feind - gefährlich hoch. Vor allem, da es Gelberg zwischen 1971 und 1988 immer wieder gelang, durch die prall gefüllten Hausbücher für alle Lesealter den Zeitgeist wehen zu lassen - ungeschützt, ganz vorne, wo der Wind bekanntlich am frischesten bläst.

Wie gut, daß er sich nun nicht unter den Erfolgsdruck des "Immer größer, prächtiger, auffallender" setzen läßt, sich eher zurücknimmt und eine farbige Text- und Bild Anthologie, aber keine Anhäufung greller Superlative vorlegt Über hundert Autoren und Illustratoren, an die zweihundert Texte und Bilder - davon die meisten Originalbeiträge - mit einer fast enzyklopädisch anmutenden Fülle an Formen und Inhalten finden sich hier zwischen zwei Buchdeckeln. Um dies zu einem harmonischen Ganzen in sieben Kapiteln zu komponieren, benötigt es nicht nur einen hohen Grad an Professionalität, sondern auch eines kinderliterarischen Konzeptes.

Gelbergs Vorwort - in früheren Jahrbüchern Ort programmatischer Äußerungen - wirkt hier blaß und verhehlt kaum, daß das Motto vom "Glück" ein eher willkürliches Prinzip darstellt. Literarische Qualität scheint wieder als zuverlässigstes Auswahlkriterium zu ihrem Recht zu kommen.

Der ehemalige Feind des trotzig zornigen Gelberg Debüts "Geh und spiel mit dem Riesen" im Apo geprägten Produktionsjahr 1971 ist weder ergessen noch verdrängt: angemaßte Autoritäten, Gewalt, uneinsichtige Eltern, Werbung oder kinderfeindliche Lebensbedingungen. Das neunte Jahrbuch "Was für ein Glück" hat sich den Gegner von damals einfach einverleibt, ihn als Motiv, Thema und Handlungsschema in die Freude an Sprache, Gefühlen oder Träumen verpackt. Rätsel, Verse, Fabeln, Szenen, Anekdoten, kurze Geschichten mit Pointe - all dies lieben Kinder, nur fehlt im bundesrepublikanischen Verlagsbetrieb der öffentlich anerkannte literarische Spielplatz dafür. So bietet das Jahrbuch kleine Sprachschätze von Guggenmos, Manz, Spohn und Wittkamp, beschränkt bekannte Autoren wie Boie, Chidolüe, Kördon und Maar auf kurze Efzählformen, in denen ihr episches Profil fast deutlicher als in ihren Kinderromanen zur Geltung kommt.

Ein roter Rand kennzeichnet die beiden wichtigsten Texte, Babak Mohammis kompromißlos realistische Schilderung entwürdigender Lebensbedingungen einer jungen Iranerin ("Meine Geschichte") und Jürg Schubigers Assoziationen "Nachdenklich bis über die Ohren", die absurdkonsequente Beschreibung eines intakten Zuhauses. Was Kindheit bedeutet, läßt sich kaum spannender dokumentieren.

Wie Gelberg Autoren, Illustratoren, Texte und Bilder auch für den professionell suchenden Leser mit Registern, Symbolen oder Hinweisen auf themen- und gattungsgleiche Beiträge präzise erschließt, läßt aufmerken. Keine Seite dieses Buches riecht nach säuerlicher Pädagogik, es geht lustvoll und gekonnt in die Offensive - was für ein Glück! Birgit Danken 9. Jahrbuch der Kinderliteratur; Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 1993; 350 S, 38- DM