Von Reiner Luyken

Im Atrium nimmt ein Mann Weihnachtsvideos auf, eine Kutschfahrt zu Santa Claus nach Lappland, 9.95 Pfund das Stück. Aus Deckenlautsprechern träufelt zwischen Billigangeboten "Stille Nacht, Heilige Nacht". Überall füttert es rot und Silber. Im Strand Shopping Centre im Liverpooler Dockviertel Bootle ist Vorweihnachtszeit, ein auf Sozialhilfeniveau abgestimmter Konsumrausch. In A.R. Tym’s Qualitätsfleischerei im Untergeschoß kosten zwei Vorderschinken ganze 1.25 Pfund, zwei Pfund Lammleber nur 99 Pence. "Demnächst geben sie es noch umsonst her", sagt eine Frau, aber sie lacht nicht über ihre Ironie. Sie klingt verstört, wie fast alle hier.

Ein Vater fährt seinen an der Hand zerrenden kleinen Jungen an: "Gleich kriegst du eins auf die Backe!"

Eine Mutter faucht ihr kleines Mädchen an: "Tu gefälligst, was ich dir sage!"

Es herrscht eine Stimmung wie am Morgen nach einem bösen Traum. Oder ist es der Kater nach der Massenhysterie?

Vor A.R. Tym’s Qualitätsfleischerei nahm vor neun Monaten der weltweit aufsehenerregendste Mordfall dieses Jahres seinen Anfang. Als Denise Bulger am 12. Februar um zwanzig vor vier Uhr aus dem Laden kam, war ihr knapp dreijähriger Sohn James verschwunden. Von Sicherheitskameras aufgezeichnete Videos zeigten den Knirps, als er zwischen zwei älteren Jungen das Einkaufszentrum verließ. Zwei Tage später wurde seine Leiche gräßlich verstümmelt auf einem Bahndamm gefunden. Ein Ausbruch atavistischer Urinstinkte, ein Schrei nach Blut, der die Festnahme der zwei zehnjährigen Täter fast in ein Lynchgericht verwandelt hatte, begleitete am Mittwoch letzter Woche auch die Urteilsverkündung im Crown Court von Preston. Das Urteil: "lebenslänglich".

"Jetzt ist euch das Lachen vergangen, ihr kleinen Scheißkerle, was?" schrie ein Mann von den Besucherbänken, als die Kinder aus dem Gerichtssaal geführt wurden. Ein Onkel des toten James in einem Radiointerview der BBC: "Wenn die beiden je auf freien Fuß kommen, schnappen wir sie uns. Dann machen wir die Schweine kalt."