" eder, der studiert oder es schon hinter sich hat, kennt das: Da reden welche klug daher, führen Hegel, Gauß, Einstein oder sonstige Größen ihres jeweiligen Faches im Mund, verstehen die Andeutungen der anderen schon nach dem zweiten Wort und können den verwirrenden Ausführungen des Dozenten anscheinend mühelos folgen. Nur unsereins versteht nichts.

Für alle, die unter diesem Gefühl leiden, hat Wolf Wagner sein Buch geschrieben: "Uni Angst und Uni Bluff. Wie studieren und sich nicht verlieren". Wagner leitet das intellektuelle Imponiergehabe deutscher Wissenschaftler von der Furcht ab, sich zu blamieren. Deitt versuchen schon Studenten zuvorzukommen - durch Bluff. Zunächst, indem sie eifrig mit dem Kopf nicken und schlau gucken. Später mit Wortbeiträgen, die mit Phrasen wie "die moderne Gehirnforschung geht davon aus" oder "Schumpeter lehrt bekanntlich" abgesichert werden; und je unverständlicher sie sich ausdrücken, desto unangreifbarer werden sie.

Indem Wagner den Zweck solcher Verhaltensweisen aufdeckt, hilft er seinen Lesern besser über die Uni Angst hinweg als mit seinen "Gegenstrategien". Sich auf das Nicht Wissen einlassen, empfiehlt er, bei der Themenwahl wenn möglich persönliche Interessen einbringen, und bei Prüfungen: Augen zu und durch. Viel ist das nicht, aber viel mehr kann ein redlicher Ratgeber nun einmal nicht bieten. Tips für gezieltes Lernen überläßt Wagner der einschlägigen Fachliteratur. Zumindest in der neuen Ausgabe. Früher war das anders.

Wagners Buch ist die Neuauflage eines Klassikers. Zum erstenmal ist "Uni Angst" vor fünfzehn Jahren erschienen. Und wohl selten hat ein Buch die Bezeichung "vollständig überarbeitet" so verdient wie dies: Zwei völlig verschiedene Werke hat Wagner geschrieben. Beide sind ganz und gar geprägt von der Zeit, in der sie entstanden sind. In der ersten Auflage - 1977 - streift der Autor das eigentliche Thema, nämlich Angst und Bluff, nur kurz. Um so eingehender beschäftigt er sich mit den "gesellschaftlichen Ursachen" und mit der Frage: "Wie sich wehren?" Schuldan der Misere sind kapitalistische Strukturen, dagegen hilft Solidarität, lautet die Botschaft. Ganz im Stil der Zeit rät Wagner: Diskutieren, diskutieren und noch einmal diskutieren. Davon findet sich in der neuen Ausgabe nichts mehr. Empfahl Wagner anno 77 Studienkollektive, so richtet er sich 93 an den Einzelkämpfer.

Der Mann ist ein echter Achtundsechziger, also einer von denen, die noch die alte Ordinarienuniversität kennen und fürchten gelernt hatten und gegen sie aufbegehrten. In seinem ersten Buch fordert er, ganz im Sprachduktus der Zeit, die Universität müsse "in ihrer gegenwärtigen Form durch die radikale Kritik zerstört werden". Wie klingt das in der neuen Ausgabe? Gedämpft: "Es wäre müßig, auf inneruniversitäre Veränderungen zu hoffen, haben die vorangegangenen Kapitel doch gezeigt, daß die deutsche Universität ein schwerfälliger Koloß ist, der seinen Kurs seit 200 Jahren stur beibehält. Weder Kriege noch Revolution, weder die Nazis noch die Alliierten, weder SED noch HRG, auch nicht die Studentenbewegung konnten daran dauerhaft etwas ändern " Erkenntnisse eines resignierten Revolutionärs? Jedenfalls Bekenntnisse eines Menschen, der trotz aller Kritik und trotz der verbrauchten antiautoritären Rhetorik die Universität liebt. Dem wissensbegierigen Studenten biete die Hochschule "zwei große Schätze", schreibt Wagner, "die Bestände der Bibliotheken und das Wissen der Lehrkräfte " Kann itian ehrfürchtsvollöf von der Älfnamäter reden?"""

Seine nicht immer glückliche Liebe zur Hochschule und zur Wissenschaft bringt es mit sich, daß Wagner sein Augenmerk auf eine vielleicht noch nicht aussterbende, aber doch zumindest stark gefährdete Spezies von Studenten richtet. Er schreibt für den wissenshungrigen jungen Menschen, der darunter leidet, nicht alles zu begreifen. Der wird jedoch mehr und mehr von stromlinienförmigen Turbostudenten beiseite gedrängt, die schon im ersten Semester darüber nachdenken, was sich später im schriftlichen Lebenslauf am besten macht. Dieser Typus zieht sein Studium schnell durch und will nicht unbedingt verstehen, sondern vorrangig gute Noten. Natürlich blufft er. Aber darunter leidet er nicht, er ist stolz darauf. Daß auch solche Zeitgenossen ihre Ängste haben, sei unbestritten. Diese richten sich jedoch in der Regel darauf, im Berufsleben zu versagen oder ein geringeres Einstiegsgehalt zu bekommen als die Kommilitonen. Schnittigen Yuppies mit dem "Eros des Faches" zu kommen ist rührend altmodisch. Aber warum nicht? Karriereratgeber für Schmalspurstudenten gibt es genügend.

Wie studieren und sich selbst nicht verlieren; vollständig überarbeitete Neuauflage; Rotbuch Verlag, Berlin 1993; 128 S, 12- DM