Der Zeitgenossin Gorkijs und Tschechows sind mehr Gedichte gewidmet worden, als sie geschrieben hat. Sie war - auch im Alter - die Muse von so unterschiedlichen Künstlern wie Amedeo Modigliani, Boris Pasternak und Jossif Brodskij. Erfüllt von hohem schriftstellerischem Sendungsbewußtsein beeinflußte die "Lichtgestalt der russischen Literatur" die Lyriker der nachrevolutionären Zeit - bis heute. Sie revanchierten sich mit Kränzen von Widmungsgedichten. An Hommagen und Oden an die Dichterin hat es seit ihrem ersten spektakulären Auftreten als neunzehnjährige Schönheit mit Ponyfrisur in der Petersburger Boheme nie gefehlt. Ihre Geschichte kann man als Heiligenvita, als Musenschicksal, als Intellektuellenpassion eines Stalinopfers oder auch als pathologischen Fall einer gescheiterten Mutter lesen, die ihren einzigen Sohn für ihre Gedichte opferte. Und natürlich wird keine dieser Lesarten ihrer widersprüchlichen Figur gerecht. Achmatowas tragisches Leben (1889 1966) wurde bisher immer als Legende verklärt. Darin unterscheidet sich auch die neue Biographie von Jelena Kusmina nicht von früheren Lebensbeschreibungen. Es gab lesenswerte, interessante Ansätze von Raissa Orlowa Kopelew, auch von Achmatowas engeren Gefährten, ihrer Freundin Lydia Tschukowskaja und von ihrem späteren literarischen Sekretär Anatoli Naiman. In England brachte Amanda Haight 1976 "A Poetic Pilgrimage", Gespräche mit der Achmatowa, heraus, zu denen die Dichterin eindringlich aufgefordert hatte. Immer noch unveröffentlicht sind dagegen die Erinnerungen der 1903 geborenen Achmatowa Vertrauten Emma Gerstein. Die Achmatowa Gemeinde wartet seit langem auf sie. Der Versuch der jungen Literaturwissenschaftlerin Jelena Kusmina, die im neuen Petersburger Achmatowa Museum arbeitet, ist also keineswegs, wie von Rowohlt Berlin annonciert, die "erste" biographische Annäherung. Die Photos und auch die meisten der kompilatorisch verarbeiteten Texte sind - zumindest Achmatowa Kennern bekannt. Dennoch wird Kusminas Buch (wohlorientiert vor allem über die Jugendzeit) ein weiterer, notwendiger Pfeiler einer künftigen verbindlichen Biographie der Dichterin sein.

Ein Leben als Legende, an dessen Ranken die Poetin selbst flocht: "Ich bin mit Charlie Chaplin, Tolstois Kreutzersonate, dem Eiffelturm und glaube ich - Eliot im selben Jahr zur Welt gekommen. In jenem Sommer, 1889, feierte ganz Paris das Hundertjahrfest des Sturms auf die Bastille " Geschickt benutzt die Biographin Bruchstücke aus Achmatowas raren eigenen Lebenszeugnissen als Gerüst für ihre Annäherungen. In jedem Kapitel sind längere autobiographische Zitate und Gedichte verarbeitet. Die Quellen zitiert die Autorin jedoch leider nicht. In deutscher Übertragung sind sie greifbar als "Autobiographische Skizze - Pro domo mea" in dem schön aufgemachten Achmatowa Gedichtband "Poem ohne Held" des Steidl Verlags; auszugsweise wurden sie auch gedruckt in dem bibliophilen, leider inzwischen nur noch in Antiquariaten zu entdeckenden Gedichtband des Limes Verlags "Das Echo tönt".

Biographie als Collage. Die Verfasserin sieht sich selbst als Mosaiksteinlegerin. Und dabei leistet sie beachtliche Fleißarbeit. Gerade diese emsige Anstrengung offenbart allerdings die Schwäche des Buches. Es ist über weite Strecken ungewöhnlich informativ, doch hinter dem additiven Charakter der Sammlung geht die Größe und Passion der "Anna von ganz Rußland" verloren. Vor lauter Bemühen um den Scoop neuerlicher Enthüllungen findet sie nicht zur Seele, zum Innenleben dringt sie nicht vor.

Das Lebensbild der Poetin, die zusammen mit Marina Zwetajewa, Ossip Mandelstam und Boris Pasternak zum großen russischen Dichtergeviert dieses Jahrhunderts gehört, wird verkleinert zu einem Legendenbuch, das sich um die kritischen, die spannenden Brüche in Achmatowas Leben drückt. Gern hätte man endlich einmal auch ihre erzwungene Stalin Ode, ihre Loblieder auf die sowjetische Freiheit aus dem Zyklus "Es lebe der Frieden" gedruckt und kritisch kommentiert gesehen. Die Achmatowa hatte sie - unter Schmach und Scham - zur Freilassung ihres inhaftierten Sohnes geschrieben. Lew Gumiljow, Achmatowas einziges Kind, aus ihrer ersten Ehe mit dem 1921 erschossenen Lyriker Nikolaj Gumiljow, verbrachte insgesamt achtzehn Jahre in Gefängnissen und Straflagern. Mit seiner Qual sollte die Mutter gestraft werden, in der Stalin eine seiner "ärgsten Feindinnen" sah. Da sich die "wie Melpomene" leidende Mutter weigerte, bestimmte Gedichte aus ihrem Repertoire zu entfernen, das ohnehin jahrzehntelang nicht gedruckt wurde, hielt man zur Strafe den Sohn als Psycho Geisel. Mutter und Sohn blieben auch nach seiner Freilassung unversöhnt. Wenig erfährt der Leser über diese Konflikte, in denen die Achmatowa kaum als Idol taugt.

Überraschendes und Reizvolles hat Jelena Kusmina jedoch aus Achmatowas Boheme Zeit ausgegraben, mancherlei amüsante Anekdote der Pariser Begegnungen mit dem verliebten, blutjungen Modigliani, der ihr nachts auf den Parkbänken im Jardin du Luxembourg Verlaine Verse vorsang. Genau sind Kusminas Recherchen zur katastrophalen Editionsgeschichte Achmatowas. Nach jahrzehntelangem erzwungenem Schweigen war es der Lyrikerin nicht einmal in ihren letzten Lebensjahren vergönnt, einen einzigen unzensierten Band mit ihren Gedichten in der Hand zu halten, mit "Gedichten, die noch leben, noch ungezähmt, mit Hörnern, Hufen und einem Schwanz". Bitter empfindet sie sich als "eine heilige, aber vor allem eßbare Kuh, geformt aus einer Art Hackfleisch, das der Herausgeber durch den Fleischwolf seiner eigenen Zeit gedreht hat". Auch dieses drastische Zitat fand Kusmina bei einem anderen Biographen, bei Anatoli Naiman.

Swetlana Geiers Übersetzung ist zu loben, vor allem die wortgetreue, interlineare Übertragung der Lyrik. Die Anmerkungen zu den dreihundertfünfzig Seiten der deutschen Ausgabe füllen keine zwei Seiten. Ein Quellenverzeichnis fehlt ganz; unverzeihliches Manko einer Biographie, deren Vorgaben allerdings besonders schwierig waren. Achmatowa hat kaum Lebenszeugnisse hinterlassen und aus Angst alle Manuskripte, Skizzen und Briefe verbrannt. Die Gedichte überlebten, auswendig gelernt, nur im Gedächtnis weniger Zeugen. Stalins Schergen hatten viele ihrer Freunde, auch zwei ihrer Ehemänner, auf dem Gewissen. Der stalinistische Überwachungsapparat verschonte sie nicht, hatte sie auf grausamste Weise zum Überleben verdammt, etikettiert als "übergeschnappte, feine Dame, die zwischen Boudoir und Betstube pendelt. Nonne und Hure zugleich". Eine Biographie über die hoheitsvolle Dichterpriesterin, die sich selbst vom Altar stieß und unliebsame Verszeilen schamvoll überklebte, bevor sie ihre Belegexemplare an Freunde weitergab; ein Buch über diese kontroverse, menschlich fehlende Achmatowa steht noch aus. Vielleicht muß man mindestens neunzig sein, um die Lebensgeschichte dieser Jahrhundertgestalt zu schreiben, so alt wie Emma Grigorjewna Gerstein, auf deren Achmatowa Buch wir weiter warten. Mit Ungeduld. Ein Leben im Unbehausten; aus dem Russischen von Swetlana Geier; Rowohlt Berlin, Berlin 1993; 351 S, 48 - DM