Von Hans-Joachim Müller

So hat das kommen müssen. Klaus O. über Beuys und Heidegger. Gregory U. über Beuys und Derrida. Hermann Pf. über Beuys und Adorno. Alois Martin M. über Carus, Beuys und Boullée. Derweil erörtert Axel-Hinrich M. "Aspekte zur Pharmazie und Medizin im künstlerischen Werk von Joseph Beuys" (Apotheker-Journal 1/79, Heft 4).

Was ist geblieben vom messianischen Kunstmann? Was ist geblieben von der apostolischen Inbrunst, mit der sie ihm nachgefolgt sind? (Schwebel H., "Die Christus-Identifikation des modernen Künstlers", in: "Zeichen des Glaubens, Geist der Avantgarde".) Wo sind sie, die Gebeine des heiligen J.? Was ist aus ihnen geworden, die mit ihm das Brot brachen und dann alle etwas wunderlich wurden? Ist der Glanz aus den Augen gewichen? Haben sie sich ausgesöhnt, die Spötter und die Gläubigen? "Ich habe mich zu diesem Menschen bekannt", bekennt der Beuys-Bekenner Heiner Bastian, "ich habe mich ganz auf diesen Menschen verlassen. (...) Vielleicht nicht nur mir hat er jene verheißenen und dann verlorenen Kindheitsträume eines länger im Roggen’ in die Bilder eines schwierigen aber lebenswerten Erwachsenseins getauscht."

Ist da überhaupt noch was zu retten? Vielleicht müßte man das Reliquiar mit den unsterblichen Beuys-Überresten eine Zeitlang den Philologen überlassen. Ein bißchen Staub auf der Akte, ein paar Stockflecken im Dossier, eine gute Weile noch für die Millimeterarbeit, das schlechteste wäre es nicht. Womöglich wüßten wir dann besser, wie es geschehen konnte, daß ausgerechnet die durch und durch laizistische Disziplin Kunst noch einmal zu Kniefällen und verwegensten Erlösungshoffnungen angestiftet hat. Oder würde eine Ausstellung helfen, Beuys wieder den Beuysianern zu entwinden?

Daß er ihn für "den Größten" in der stets überschaubaren Schar seiner Künstlerfavoriten hielt, hat der Schweizer Ausstellungsmacher Harald Szeemann nie verhehlt. Wann immer er den wuchernden Kunstbiotop nach den erstaunlichsten Arten absuchte, Beuys ist er allemal begegnet. Aber die Bewunderung hat er sich anbetungsfrei gehalten, und die Geduld hat nichts Demütiges angenommen. Erst heute, 24 Jahre nach einem gescheiterten Projekt an der Berner Kunsthalle und sieben Jahre nach dem Tod des Künstlers, sollte es Szeemann gelingen, noch einmal die Hauptlinien dieses inkommensurablen Werks nachzuziehen.

Zu Beuys’ Lebzeiten war an eine retrospektive Ausstellung nicht zu denken. Die eigene Werkinszenierung im New Yorker Guggenheim-Museum 1979/80 hielt der Künstler für gültig, eine neue Zusammenschau nicht mehr für opportun. Und als er im Januar 1986 starb, wurde die posthume Übersicht der eigentümlich grenzenlosen Arbeit immer unwahrscheinlicher. Wer wollte jetzt den vakanten Regieplatz einnehmen? Wer hätte so viel Autorität, diese unanfechtbare Instanz Beuys zu ersetzen, von der sämtliche Entscheidungen ausgegangen waren? Szeemann ließ Bastian den Vortritt, der mit seiner Berliner Ausstellung von 1988 als erster das Bilanz-Wagnis einging und – scheitern mußte. Noch war alles zu unmittelbar und der Reiz viel zu groß, jene Intimität zu erzwingen, die Beuys-Ausstellungen immer auch zu Schauplätzen liturgischer Veranstaltungen, geheimnisvoller Zelebrationen gemacht hat.

Das Warten hat sich gelohnt. Auch wenn die Schwierigkeiten nun nicht geringer geworden sind. Der gigantische Nachlaß hat, wie kaum anders zu erwarten, gigantischen Streit erzeugt. Beuys-Besitz eint nicht mehr, er spaltet. Die Familie Beuys hat sich gänzlich von der Zürcher Ausstellung zurückgezogen. Andere Leihgeber, vor allem Museen, möchten – verständlicherweise – nicht mehr auf Reisen schicken, was der Künstler noch selber eingerichtet hat. Kann man Beuys zeigen ohne das "Rudel" in Kassel, ohne den "Kapital"-Raum in Schaffhausen, ohne das Darmstädter Ströher-Arsenal, den Düsseldorfer "Palazzo Regale", ohne die Basler "Feuerstätte", ohne "Zeige deine Wunde" aus München, ohne "Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch" aus Frankfurt, ohne den filzüberzogenen "Konzertflügel" aus Paris? Man kann schon. Die Zürcher Ausstellung hat alles, um ereignishaft an ein Werk zu erinnern, das auch in der Distanz seine Charaktermischung aus utopischer Intensität und spröder Gestalt bewahrt hat.