Dies ist, um mit der Tür ins Haus zu fallen, ein wichtiges, aber zugleich ein höchst problematisches Buch. Der Autor, Schüler von Ernst Nolte und zur Zeit Grundsatzreferent im Büro des sächsischen Innenministers Heinz Eggert, zieht aus, die bisherige Forschung über das Ende der Weimarer Republik in einem wesentlichen Punkt der gewollten oder ungewollten Blindheit zu überführen: Sie habe die Gewaltbereitschaft der Kommunisten weit unterschätzt. In seinen eigenen Worten: "Vom Kapitalismus war häufig die Rede, wenn nach den Ursachen für den Aufstieg des Nationalsozialismus gefragt wurde. Vom Kommunismus wurde geschwiegen "

Ganz abwegig ist diese Kritik nicht. Für Autoren, die sich der Studentenbewegung von 1968 verpflichtet fühlen, ist schon die Frage, ob der Massenzulauf zur Partei Hitlers nicht teilweise auch auf das Konto der KPD gegangen sei, ein Sakrileg. Und auch in mancher "seriösen" Geschichte der ersten deutschen Republik ist von Gewaltrhetorik und Gewaltaktionen der Kommunisten nur am Rande die Rede.

Doch verallgemeinern läßt sich Strieflers harsches Urteil nicht. Im Bestreben, die eigenen Entdeckungen als neu zu präsentieren, schießt er gewaltig über das Ziel hinaus. Vieles von dem, was er auf knapp 400 Seiten Text ausbreitet, läßt sich auch andernorts nachlesen. Das gilt selbst für seine zentrale These, daß die KPD, was physische Gewaltanwendung angeht, alle anderen Parteien übertraf und sich, anders als die NSDAP nach Hitlers gescheitertem Münchner Putsch vom 8. und 9. November 1923, offen zum revolutionären Umsturz der bestehenden Ordnung und zur Illegalität bekannte. Das Verdienst des Autors ist, daß er diesen Befund umfassend belegt und dabei auch neues, erst nach dem Zusammenbruch der DDR zugänglich gewordenes Quellenmaterial auswertet.

Mit welcher Verblendung die deutschen Kommunisten auf den Aufstieg des Nationalsozialismus zur Massenbewegung reagierten, macht ein von Striefler zitiertes Urteil des führenden Funktionärs Fritz Heckert vom 19. September 1930 deuüich. Fünf Tage, nachdem die NSDAP bei den Reichstagswahlen einen triumphalen Erfolg erzielt hatte, schrieb Heckert, die Nationalsozialisten hätten "eine geschichtliche Aufgabe zu erfüllen, nämlich die, diejenigen Kreise zu zersetzen, an die wir noch nicht herankommen und die noch nicht zur revolutionären Armee gestoßen sind". Aus diesem Kalkül heraus betrieben die Kommunisten gegenüber den Anhängern Hitlers eine Doppelstrategie: auf der einen Seite die gewaltsame Auseinandersetzung nach der (im Herbst 1929 ausgegebenen, im Juni 1930 offiziell fallengelassenen, doch vielerorts weiterhin befolgten) Devise "Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft!", auf der anderen die gezielte Umwerbung der "NaziProleten" - bis hin zur punktuellen Aktionseinheit im Kampf gegen die als "Sozialfaschisten" diffamierten Sozialdemokraten.

Den größten Raum beanspruchen in Strieflers Buch Aufstandsvorbereitungen der Kommunisten Daß die KPD den bewaffneten Kampf gegen die kapitalistische Gesellschaft und ihren politischen "Überbau", die "bürgerliche" Demokratie, propagierte, ist bekannt. Spätestens seit Ruth Fischer, die faktische Führerin der KPD in den Jahren 1924 und 1925, 1948 zunächst auf englisch, 1950 dann auch auf deutsch ihr Buch "Stalin und der deutsche Kommunismus" vorlegte, weiß man, in welchem Maß es der sowjetischen Geheimpolizei, der GPU, gelungen war, die illegalen Apparate der KPD - den Militärapparat, den Nachrichten , den Zersetzungs- und den Terrorapparat - in Instrumente der sowjetischen Politik zu verwandeln. Über die Kaderschulung in der Sowjetunion, zu der auch militärische Ausbildungskurse für deutsche Kommunisten gehörten, sind wir seit langem, vor allem durch Publikationen von ehemaligen "Insidern", informiert. Sehr viel Neues kann Striefler hierzu nicht beisteuern.

Strittig sind also nicht die Tatsachen, sondern ihre Gewichtung. Striefler hat recht, wenn er feststellt, daß die kommunistischen Umsturzversuche der Jahre 1919 bis 1923, die Revolutionspropaganda und die Gewalttaten der KPD in den Jahren danach bei vielen Deutschen Angst hervorriefen - Angst vor Bürgerkrieg, Chaos und bolschewistischer Diktatur. Antikommunismus verstand sich für alle, die nicht in einem "Sowjetdeutschland" leben wollten, von selbst, Und da die Kommunisten, anders als die Nationalsozialisten, die Staatsorgane, darunter vor allem Polizisten, immer wieder frontal angriffen und dabei auch vor der Ermordung von Beamten nicht zurückschreckten, galt die KPD bis weit in die Reihen der Sozialdemokraten hinein als das, was sie zu sein beanspruchte: als die Umsturzpartei schlechthin. Niemand zog aus dieser Einschätzung große , ren Nutzen als die Nationalsozialisten. Der Appell an die Angst vor der roten Revolution war eine der Ursachen ihrer Wahlerfolge.

Einer der brutalsten politischen Terrorakte der Kommunisten, die Ermordung der Polizisten Lenk und Anlauf am 9. August 1931 auf dem Bülowplatz in Berlin, ging eindeutig auf Weisungen von "oben", von Mitgliedern des Politbüros, darunter Heinz Neumann und Walter Ulbricht, zurück, ausführende Organe waren Mitglieder des "Proletarischen Selbstschutzes", unter ihnen Erich Mielke, die dem Befehl des Militärapparates unter Hans Kippenberger unterstanden. Aber nicht immer war kommunistische Gewalt gegen Personen und Sachen eine offizielle Parteiangelegenheit. Striefler verkennt, daß es im großstädtischen, beispielsweise Berliner "Kiez" nicht nur den zentral gelenkten, sondern auch einen spontanen "alltäglichen Antifaschismus" gab, der sich immer wieder gewaltsam entlud, wenn die SA in kommunistisches "Feindesland" vordrang und rote Stammkneipen in braune Sturmlokale verwandelte. Und allzu unkritisch verläßt sich der Autor auf Polizeiberichte, die auch Plünderungen, eine häufige Begleiterscheinung von Erwerbslosendemonstrationen, als von der KPD geplante Aktionen bewerteten.