Von Lothar Baier

Niemand maß damals die Zeit, denn sie war auch so sichtbar; sie hinterließ ihre Spuren auf dem Antlitz der Menschen – die neugeborenen und erwachsen werdenden Kinder, die Alternden und durch die Wolken Gehenden waren ihr Kennzeichen." Wer den Tod kommen spürte, zog eine weiße Hose aus Rentierfell an, als Zeichen dafür, daß er bereit war, "durch die Wolken zu gehen", wie das Sterben in der Sprache jener Welt genannt wird, in der Zeit nicht gemessen werden muß. Was für eine Welt ist das und was für ein "Damals", in der sich die Zeit noch sehen ließ?

Am äußersten östlichen Zipfel des russischen Sibirien, dort wo ein schmales Stück Ozean namens Beringstraße den asiatischen Kontinent vom amerikanischen Alaska trennt, lebt auf der nach ihm benannten Halbinsel das Volk der Tschuktschen. Wie es offenbar häufig Bewohnern im Osten liegender Landesteile widerfährt, sind die Tschuktschen nicht von dem Schicksal verschont geblieben, den Bewohnern der weit entfernten Metropole als Prototypen der Witzfigur zu dienen. Was am Rhein der Ostfriesenwitz, ist an der Moskwa der Tschuktschenwitz. Über die Tschuktschen läßt sich in Moskau um so leichter herziehen, als man dort einen Angehörigen dieses Volkes nur sehr selten zu Gesicht bekommt. Das Volk der mit den Mongolen verwandten Tschuktschen ist nicht größer als die Einwohnerschaft einer sehr kleinen deutschen Kleinstadt. Daß man jetzt mehr über die Tschuktschen wissen kann als das, was in einem Lexikonartikel steht, ist dem Umstand zu verdanken, daß aus diesem Jäger- und Nomadenvolk, dessen Sprache erst vor sechzig Jahren eine schriftliche Form erhalten hat, ein Schriftsteller hervorgegangen ist, der auf eine faszinierende Weise vom Leben und Sterben an der Beringstraße zu erzählen vermag: der 1930 geborene Juri Rytcheu, von dem nun drei seiner zahlreichen Bücher in deutscher Übersetzung zu lesen sind.

Der Roman "Traum im Polarnebel", im Original 1968 in Moskau erschienen, erleichtert dadurch den Zugang zu den Geheimnissen des tschuktschischen Volkes, daß er als Hauptfigur einen aus der Welt der westlichen Leser stammenden Kundschafter vorschickt. Ein Zufall, wie er in Abenteuerromanen häufig vorkommt, hat den kanadischen Seemann John Mac Lennan mit einer Verletzung an der Küste der Tschuktschen-Halbinsel abgesetzt und sein Schiff dann mit einsetzender Eisdrift ohne ihn absegeln lassen. Der Kanadier muß sich also wohl oder übel an die Lebensweise der in jurtenähnlichen Rundzelten hausenden Eisbär- und Walroßjäger gewöhnen. Gleich zu Beginn seines Zwangsaufenthaltes als schwer an den Händen Verletzter hat er mit den staunenswerten chirurgischen Künsten einer alten Schamanin Bekanntschaft machen dürfen. Seine Lehrzeit bei den Walroßjägern verschafft dem Erzähler Gelegenheit, die Technik des Jagens und der vielfältigen Beuteverwertung in allen Einzelheiten zu erklären. Da der Kanadier John schließlich so weit in die Gemeinschaft aufgenommen wird, daß man ihm eine der Ihren zur Frau gibt, kann auch das tschuktschische Alltags- und Familienleben ausgiebig geschildert werden.

Es bleibt jedoch nicht bei der Beschreibung, denn sowohl die Präsenz des schreib- und lesekundigen Nordamerikaners unter den ihr Wissen mündlich überliefernden Tschuktschen als auch Begegnungen mit fremden Schiffsbesatzungen und mit an der Beringstraße ansässigen amerikanischen Fell- und Schnapshändlern bieten erzählerische Anlässe, das Für und Wider der traditionellen, auf Selbstversorgung gegründeten und der modernen, durch Technik und Arbeitsteilung bestimmten Lebensweise zu erörtern. Der Autor Rytcheu greift nicht direkt in diese Zivilisationsdebatte ein, nimmt aber auf seine Weise dazu Stellung, indem er seinen Kanadier gegen mancherlei Anfechtung für den Verbleib bei seiner neuen Familie und damit bei den Tschuktschen optieren läßt.

Der recht konventionell spannend geschriebene Roman erhält allerdings dadurch zusätzlichen Reiz, daß seine Handlung in die Epoche der Oktoberrevolution hineinragt. Was dabei auf den ersten Blick wie ein Zugeständnis des Autors an den Geist der zur Zeit der Niederschrift gerade angebrochenen Breschnjew-Ära wirken mag, bringt dann Effekte hervor, die sich in aller Zurückhaltung gegen allzu heftigen geschichtsphilosophischen Sowjetoptimismus richten. Rytcheus Tschuktschen haben nichts dagegen, daß sich die Bolschewiken an die Stelle des Zaren setzen, fühlen sich von den Nachrichten aus Sankt Petersburg jedoch nicht allzusehr betroffen, so wie sie zuvor die gelegentlich eintreffenden Kriegsnachrichten nicht besonders berührten. Das alles spielt sich hinter dem Horizont in einem unendlich weit entfernten russischen Westen ab, dessen Umwälzungen die Ordnung in den tschuktschischen Küstensiedlungen nicht umstoßen. Viel wichtiger ist nach wie vor die Frage, ob der angesammelte Walroßspeck über den endlos langen Winter reicht.

Rytcheus später geschriebene Bücher "Teryky" und "Wenn die Wale fortziehen" gehen literarisch ein viel größeres Wagnis ein. Sie nehmen die tschuktschischen Legenden, die "Traum im Polarnebel" mehr nebenbei erwähnt, beim Wort, erzählen sie aber mit einer Aufmerksamkeit fürs faßbare Detail, als handle es sich um gewöhnliche tschuktschische Jagdgeschichten. Wie der junge Walroßjäger Goigoi, der mit einer Eisscholle aufs Meer hinausgetrieben wurde, dort Hunger und Kälte überstanden hat und am Ende doch in Sichtweite der rettenden Küste seiner Entkräftung erliegt, um sich dann, statt irdisch zu sterben, in den von Fell statt von Haut bedeckten Wiedergänger zu verwandeln, den die Tschuktschen "Teryky" nennen – das alles ist auf eine ganz atemberaubende Weise erzählt. Dem Autor ist dabei das Kunststück gelungen, sich der von der traditionellen Mythologie überlieferten Metamorphose behutsam von innen her zu nähern, sich in die Psychologie des lebenden Toten hineinzuversetzen, und dabei die Distanz nicht zu verlieren, die den Gehalt der Legende erst sichtbar werden läßt: die durch das Bild des angsteinflößenden Teryky beförderte Versöhnung mit dem Gedanken der Sterblichkeit. Besser endgültig "durch die Wolken gehen" als im Fellkleid auf der Erde umherirren und die Schlittenhunde zum Heulen bringen...