Von Verena Auffermann

Das sogenannte Enfant terrible hat gezeigt, was ein Enfant terrible ist. Vladimir Sorokins Roman "Die Herzen der Vier" ist unerträglich. Das liegt nicht am Argot der Gosse. Die brutalen Comic-Kommandos sind kein sprachlicher Schongang, aber schließlich rattert der Scheiß-Kotz- und Fick-mich-Expreß schon länger über Berg und Tal der Literatur. Sorokins Ehrgeiz, bitterernstes Kabarett mit Science-fiction-Charakter auf den Weg in die Welt realer Politik und, genauer, in Jelzins Land zu schicken, hat den 38jährigen ausgebildeten Ingenieur verleitet, Michail Bulgakows "Hundeherz" auszubuddeln und in Gestalt von vier Menschenherzen wieder auferstehen zu lassen.

Die Viererbande, kämpferisch vom Schützen-As Olga und strategisch von Rebrov angeführt, vom einbeinigen Haudegen Staube mit Lebenserfahrung versorgt und durch die Figur des jungen Serena mit einem Schimmer Menschlichkeit dekoriert, will den Verschwörungskoloß, aufgetürmt von Mitgliedern aus Armee und Mafia, stürmen. In ihren Sitten und Gebräuchen sind Verfolger und Verfolgte nicht voneinander zu unterscheiden. Im heroischen Finale machen die schrecklichen Vier der Welt ihr Herzblut zum Vermächtnis.

Als Sorokin noch ein lieber Junge war und sein Publikum dem inneren Wesen der Schlange entgegentrieb, in der ein Bürger der Sowjetunion ein Drittel seiner Lebenszeit verbringt und viele Seiten im Roman die "Schlange" als Zeichen für die Schlafenszeit weiß geblieben waren, hatte sein Talent zur restlosen Beseitigung von Gefühlsrückständen Beachtung gefunden und Entzücken hervorgerufen. Mit Galgenhumor, durchaus ein hochbesetztes Fach, in dem sich Sorokin als selbsternanntes Wunschkind von Chlebnikov, Daniii Charms und anderen Vätern großzog, hat der 38jährige Autor sich jetzt selbst stranguliert.

Die grausam groteske Geschichte aus dem wüsten, weiten Land des "Sozialismus", die, ein fellinieskes Selbstzitat, in einer Schlange vor dem Bäcker und mit einer Moralpredigt über den Wert des Brotes beginnt, schüttelt schnell die alten Spuren ab und schickt ihre Helden in einen ziemlich heruntergekommenen Waggon. In dieser Höhle, auf die noch viele gespenstische Orte folgen, entkleidet sich der gute Prediger von eben und wird zum Knabenschänder von jetzt.

Moral ist eine Erinnerung, ein alter sentimentaler Quatsch, das sagt Sorokin in seinem Roman über die Verliese der russischen Gegenwart. Die Jagd durch die Auffangbecken humanitärer Hilfe und durch die stockige Sülze der vorgeführten Gesinnung kann als Treibstoff den Sprit à la Hollywood nicht verleugnen und reißt die Sprache mit sich in filmischem Tempo. Die Mafiositechniken des herrschenden korrupten russischen Alltags mit ihren schonungslosen Kartellen und KGB-Mustern werden an der Grenze des Ertragbaren vorgeführt und so grell beleuchtet, daß alles wie ein inszenierter Witz erscheint.

Auf den Akt zwischen dem Alten und dem Kleinen im Waggon folgt der Doppelmord an Serežas Eltern; des Vaters chirurgisch einwandfrei sezierte Eichel wird für Tage Serežas Lutschbonbon. Als Weihnachten Rebrovs Mutter mit eingeweckten Krebsen anreist und eine romantische Schneise in das unromantische Mordleben der Viererbande schlägt, sieht man den Draht zwischen den Fingern funkeln, und das irdische Leben des Mütterchens verflüchtigt sich. Fortan lebt sie weiter als flüssiges Souvenir.