ROM. – Zuviel übertriebene Sorgen gebe es heute wegen einer etwaigen deutschen Vorherrschaft in Europa – antwortete ich schon vor einem Jahr, als mich eine amerikanische Zeitung nach den möglichen Auswirkungen der neuen wirtschaftlichen und politischen Macht Deutschlands auf Europa und Italien befragte.

In den 47 Jahren seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat Deutschland gezeigt, daß es ein demokratisches Land ist, das sich innerhalb Europas und nicht im Gegensatz zu ihm so außerordentlich entwickelt hat. Die Europäische Union von morgen braucht Deutschland, wie dieses ein vereintes Europa braucht.

Hegemonie? Man redete von Vormachtträumen, als Berlin wieder Hauptstadt wurde – als ob dies von neuem den Schwerpunkt der deutschen Außenpolitik nach Osten verlagern würde. Aber es ist eine Dummheit, von hegemonialen Träumen zu reden.

Schon die Bundesrepublik mit der Hauptstadt in Bonn und einem sozialdemokratischen Kanzler, Willy Brandt, hatte ja mit der "Ostpolitik" begonnen, also mit einer ganz besonderen Aufmerksamkeit gegenüber den Ländern Mittel- und Osteuropas.

Statt jetzt die Schatten Bismarcks und des Kaisers heraufzubeschwören, die nun wirklich in der Ferne liegen, sollten sich besorgte Nachbarn Deutschlands lieber mit mehr Aufmerksamkeit den eigenen Problemen zuwenden. Die Wahrheit ist ohnehin viel einfacher. Die Vereinigung der Deutschen war in jedem Sinne ein historisches Ereignis.

Die Geschichte hat sich an jenen gerächt, die sie in einen Käfig sperren wollten. Deutschland hat keine Einheitstradition. Die föderale Struktur der Bonner Republik verkörpert ein vielhundertjähriges Erbe, einen Föderalismus, der aus einer in der Geschichte Europas beispiellosen Zersplitterung stammt.

Deutschland – das war jahrhundertelang kaum mehr als ein "geographischer Begriff". Hunderte von Fürstentümern und freien Städten vor der napoleonischen Epoche; neununddreißig autonome Staaten, vom Wiener Kongreß 1815 bestätigt. Das Bild bestimmten eine Anzahl von Kronen und freien Staaten, die auch das deutsche Kaiserreich am Leben ließ, und die Weimarer Republik bildete einen demokratischen Staat auf föderaler Basis. Dabei schlugen sich die Eigenschaften eines Volkes nieder, das eine Vielfalt innerer Entwicklungen und Zivilisationsstufen erlebt hatte.