So ein Baum ist ein treuer Freund. Hat man ihn einmal gepflanzt, wächst er, erfreut das Auge mit sattem Grün, und das Rauschen seiner Blätter beruhigt das Gemüt – gerade dann, wenn es sich um eine Birke in einem ansonsten recht einsamen Altonaer Hinterhof handelt.

Verständlich von daher die Bestürzung bei Johnny S., dem Besitzer des Idylls, als er am 4. Februar 1992 nach Hause kommt und seine stolze Birke lang hingestreckt auf dem Boden liegen sieht. Ein Schicksalsschlag für den ganzen Hof, denn der letzte Baum ist gefallen, nicht durch Altersschwäche oder Sturmgewalt, sondern durch die sägende Hand eines verärgerten Nachbarn. Möglicherweise hat der Baum dem Balkon des Frevlers zuviel Schatten gegeben oder sein herbstliches Laub immer auf jenen Teil des Hinterhofes fallen lassen, der dem Säger gehörte. Wie auch immer, es sieht so aus, als habe sich ein über Jahre angestauter Zorn den Weg gebahnt.

Wer nun bei dem Täter einen axtschwingenden Wüterich erwartet hat, der wird von Hans Udo S. (55) enttäuscht. Mit unsicheren Schritten tappt der Angeklagte am Arm seiner Frau in den Saal des Amtsgerichts in Hamburg-Altona. Ein kleiner Mann mit einem traurigen Doggengesicht. Ganz anders der Richter, der ihm gegenübersitzt. Ein eindrucksvoller Herr mit eisgrauen, zurückgekämmten Haaren, sogar die im Norden so beliebte "Schifferkrause" ums Kinn kann ihm nichts von seiner Würde nehmen. Ganz sanft und ruhig erklärt er, bei diesem Prozeß müßten alle Beteiligten "viel, viel" Geduld mitbringen, denn vom Angeklagten selbst werde man nur wenig zu hören bekommen, der Mann habe Krebs und keinen Kehlkopf mehr.

Bei den Antworten des Herrn S. wird es im Saal von nun an totenstill, nur das blubbernde Pfeifen des Angeklagten ist dann zu hören. Seine Frau muß dolmetschen. Aber auch bei Frau S. mahnt der Richter "Vorsicht, Vorsicht", sie sei schwer krank – Lungenkrebs.

Hans Udo S. ist nicht vorbestraft, aber bei der Polizei wohlbekannt, man hat ihn schon öfters sturzbetrunken von seinem Mofa herunterholen müssen. Soweit sich verstehen läßt, leugnet er jede Beteiligung an der Tat. An dem fraglichen Tag habe er plötzlich die gestürzte Birke gesehen, gesägt habe er nicht. Niemand kann sich vorstellen, daß der hinfällige Frührentner den stattlichen Baum – immerhin 18 Meter hoch mit einem Durchmesser von 37 Zentimetern – in einer halben Stunde mit einer einfachen Bügelsäge umgelegt haben soll. Aber es gibt Zeugen. Einer ist heute im Urlaub, doch auch Frau Maria U. (73) hat das Geschehen von ihrem Balkon aus beobachtet. Sie habe gesehen, wie er die "lachsfarbene" Säge angesetzt hat. Gekleidet gewesen sei der Herr S. damals mit einer braunen Hose.

Aufgeregt pfeifend unterbricht sie der Angeklagte. Seine Frau übersetzt: "Mein Mann sagt", weder habe er je so eine Säge gehabt noch eine braune Hose, braun könne er nicht ausstehen. Nach kurzem Blick in die Akte stellt der Richter fest, daß der fehlende Zeuge die Aussage von Frau U. im wesentlichen bestätigt, einschließlich brauner Hose und lachsfarbener Bügelsäge.

Das Gericht hat nun genug Zeit mit dem "Kaspertheater" verplempert. Er, so der Richter, wolle den schwerkranken Mann nicht hart bestrafen. Aber um noch eine Einstellung mit Bußgeld zu erreichen, müsse jetzt "ganz schnell das Handtuch" geworfen werden. Als Frau S. etwas von "Buße" hören muß, schüttelt sie zänkisch den Kopf. Der Richter sieht sich veranlaßt, deutlicher zu werden. Seine Stimme bekommt einen ungemütlichen Unterton. Bis jetzt seien die S. auf ein "äußerst verständnisvolles" Gericht gestoßen, aber, so droht er, diese Stimmung halte nur noch zehn Minuten an.