Von Andreas Isenschmid

Stellen wir uns einen Jungen vor. Er ist dreijährig. Er lebt in Sarajevo. Vielleicht bekam heute nacht das Nachbarhaus seiner Eltern einen Granattreffer. "Ich erinnere nichts", wird er vielleicht einst schreiben, "auch wenn mir später erzählt wurde, daß ich aus meinem Bett und durch das Zimmer geworfen wurde, als sie einschlug. Am nächsten Tag verließen wir zu Fuß die Stadt."

Seine erste Flucht, nicht die letzte. Als Achtjähriger mag er schon dreimal geflohen sein. Vielleicht verliert er seinen Vater auf der Flucht, um ihn erst Jahre danach in der Ferne wiederzusehen. Seine Kinderspiele werden Kriegsspiele sein. "Ich hatte zum Beispiel einen Freund", könnte er später schreiben, "der eine Alarmsirene perfekt nachahmen konnte. Jedesmal wenn ihn seine Eltern allein zu Hause ließen, stand er auf dem Balkon im sechsten Stock und heulte. Wir fanden das alles sehr spaßig."

Ein anderer Freund könnte zu seinem Geigenkasten sagen: "Der sieht aus wie ein Kindersarg." Mit einem dritten könnte er kindliche Schlangenmenschen auf dem Kirmesplatz sehen. "Die haben keine Knochen", würde sein Freund vielleicht flüstern. "Die Toten haben keine Knochen. Sie fallen um wie Mehlsäcke", könnte unser Junge dazu denken. Denn mit Leichen hat er Erfahrung. Im nahen Fluß ist er im Sommer nie schwimmen gegangen. "Wir gingen nur unsere Füße eintauchen. Es schwammen Leichen drin", könnte er schreiben.

Was würde aus einem solchen Jungen werden? Wird er in den Westen fliehen? Wird man ihn zurückschicken? Falls nicht, welche Erfahrungen wird er dort machen? Wo und wann werden wir von ihm hören? Wie und in welcher Sprache wird er sich melden?

Der Junge existiert. Er ist in den Westen geflohen. Einmal hat man ihn zurückgeschickt. Dann konnte er in Paris Fuß fassen. Er hat Armut, Demütigung und Sprachverlust erlebt. Und das Gegenteil. Einen bereichernden, kräftigenden Sprach- und Kulturgewinn, von dem er wie von einer großen Liebe erzählt: Mit sechzehn begann er in Paris Englisch zu lernen, kostenlos beim World Church Service. "Ich mochte die Sprache auf Anhieb", hat er geschrieben. Und als er mit Mutter und Bruder auf der Queen Mary nach Amerika reist, dem Vater nach, geht die Liebe weiter: "Ich mochte Amerika sofort." Am ersten Tag gibt es: Wolkenkratzer. Baseball im TV. Hamburger, Milkshakes. Jazzclub, "sogar ein paar Schlückchen" von Vaters Whisky. "Es war wie im Himmel."

In diesem Winter kann das deutsche Publikum erstmals von dem Jungen hören. In Gedichtform. Das jugoslawische Kriegskind heißt Charles Simic und ist einer der wichtigsten amerikanischen Lyriker geworden. Er lehrt inzwischen an der Universität von New Hampshire. Geboren ist er 1943 in Belgrad. Nicht in Sarajevo. Alles andere Obige stimmt und ist nachzulesen in Simic’ autobiographischem Essay "Am Anfang..." im Band "Ein Buch von Göttern und Teufeln". Der Essay begleitet und grundiert fünfzig Simic-Gedichte, die Hans Magnus Enzensberger, unser Lieblings- und Hauptentdecker seit Jahrzehnten, übersetzt hat.