Seit dem Tode Carl Schmitts im Jahre 1985 häufen sich die Publikationen zu Werk und Leben dieses einflußreichen Denkers - neben den nationalistischen Aktualisierungen der gesinnungstreuen Schüler die üblichen SpezialStudien der Wissenschaftler, auch biedere, um Objektivität bemühte Biographien. Vorbereitet durch die "postmoderne" Rezeption der achtziger Jahre, hat Carl Schmitt seit 1989 erst recht Konjunktur: Nachholbedarf im Osten, freie Bahn im Westen für die Einstiegsdroge in den Traum vom starken Staat und von der homogenen Nation. Die Nouvelle Droite wußte es schon länger: Mit Carl Schmitt läßt sich den Themen "Innere Sicherheit", "Überfremdung" oder "Durchrassung" ein gewisser intellektueller Glanz verleihen. In den Büchern der revisionistischen Zeithistoriker, die bei Ullstein vom Fließband gehen, spiegelt sich die Virulenz von Carl Schmitts und Martin Heideggers Zeitdeutungen - auch jener aparten Mischung von Schmitt und Heidegger, aus der die Geschichtsphilosophie Ernst Noltes ihre Inspiration zieht.

Beide, der Staatsrechtler und der Philosoph, die schon in der Weimarer Zeit eine verdiente Reputation erworben hatten, gehören unter Aspekten der Wirkungsgeschichte zusammen. Obwohl sie durch ihre spektakuläre Parteinahme für die Nazis diskreditiert waren und obwohl sie ihre produktivste Phase 1949 hinter sich hatten, haben Schmitt und Heidegger auf das politische und geistige Milieu der Bundesrepublik einen intellektuellen Einfluß ausgeübt, für den es keine vergleichbaren Beispiele gibt. Bei allen Unterschieden in Denkungsart, akademischer Herkunft, Interesse und Arbeitsgebiet drängen sich auch sonst Parallelen auf.

Was beide Geister verbindet, ist die frühe modernitätskritische Prägung durchs katholische Milieu, eine Heirat, durch die sie sich so oder so von der Kirche entfernt haben, der trotzige Provinzialismus und eine gewisse Unsicherheit gegenüber allem Urbanen, das aus der Etappe mitvollzogene Generationserlebnis des Ersten Weltkrieges und der Versailles Komplex, dazu der existentialistische Aufbruch "von Goethe zu Hölderlin", überhaupt die Wendung gegen den Humanismus, eine lateinisch katholische beziehungsweise griechischneuheidnische Kritik an Aufklärungstraditionen, sei es im Zeichen von Donoso Cortes oder Nietzsche, die geisteselitäre Abneigung gegen Parteienstaat, Demokratie, Öffentlichkeit, Diskussion, die Verachtung alles Egalitären, die geradezu panische Furcht vor Emanzipation und die Suche nach intakter geistiger Autorität - und dann natürlich der Führer, der ihnen zum gemeinsamen Schicksal wurde.

Beide gehörten zu den "großen Jasagern von 1933", weil sie sich den Nazis unendlich überlegen fühlten und den "Führer führen" wollten; sie haben das Illusionäre ihres verstiegenen Vorsatzes erfahren, weigerten sich aber post festum, ihre Schuld oder auch nur ihren politischen Irrtum öffentlich einzugestehen "Was war denn eigentlich unanständiger", so fragt Carl Schmitt, "1933 für Hitler einzutreten oder 1945 auf ihn zu spucken?" Diese Weigerung und der Haß auf "Bußprediger wie Jaspers" standen am Anfang der unvergleichlichen Wirkungsgeschichte, die Heidegger wie Schmitt in der Bundesrepublik beschieden war.

Es bedarf keiner Erklärung, warum wegweisende Argumente, Deutungsperspektiven und Gedanken, die weltweit Beachtung finden, auch in der Bundesrepublik als Herausforderung begriffen worden sind; es gibt genügend Beispiele für eine produktive Verarbeitung dieser Anstöße. Einer Erklärung bedarf jedoch der Umstand, daß diese "Reichswortführer" im Lande des offen zutage liegenden Zivilisationsbruchs - trotz ihrer Uneinsichtigkeit, ja ihrer demonstrativ zur Schau gestellten Unbelehrbarkeit - unter den Jüngeren jene Art von intellektuell faszinierter Gefolgschaft fanden, in der sich eine Identifikation mit tieferliegenden Gesinnungen verrät. Im Falle Heideggers, dessen Lehre durch politisch nichtdiskreditierte Schüler vermittelt wurde und der als Emeritus selbst noch bis 1967 lehren konnte, mag die Erklärung trivial sein: Er war zunächst bloß als der politisch unverdächtige Autor von "Sein und Zeit" präsent und fügte sich überhaupt in jenes Muster einer auf Verdrängen und Verschweigen beruhenden Normalität ein, das sich an deutschen Universitäten auf breite, durch die Nazizeit problemlos hindurchreichende personelle und inhaltliche Kontinuität stützen konnte.

Aber im Falle Carl Schmitts lagen die Dinge anders; einem Entnazifizierungsverfahren hatte er sich verweigert, so daß er - eine Ausnahme selbst unter den schwer belasteten Juristen - nach 1945 nicht wieder an die Universität zurückkehren durfte. Die Wege zum "amtsverdrängten" Kollaborateur des "Dritten Reiches" führten deshalb nur über die Schwelle des Privathauses in Plettenberg, über informelle Gesprächsrunden und Freundeskreise, über abgelegene Kolloquien und Tagungen, die für den Meister veranstaltet wurden. Die Barrieren waren höher, aber die Kontakte enger und die Gespräche intensiver. So entstand eine Aura des Verschwörerischen und Eingeweihten, die den Eindruck erweckt, als habe sich hier eine subversive Unterströmung der politischen Geistesgeschichte der Bundesrepublik ausgebildet. Tatsächlich sind damals viele der klügsten und produktivsten jungen Leute zum "Schmittianismus" konvertiert; aber bis auf wenige Außenseiter wie Armin Mohler und HansJoachim Arndt oder Bernard Willms haben sie sich von den politischen Vorurteilen des "Benito Cereno" nicht auf Dauer gefangennehmen lassen. Sie haben auch diesseits von CSU und SiemensStiftung Karriere gemacht und einen antikommunistisch ausgewiesenen Carl Schmitt dem antitotalitären Hintergrundkonsens der Bundesrepublik zugeführt. Das erklärt freilich noch nicht, warum sie sich überhaupt mit einer solchen Figur - trotz der wenig einladenden Ausgangsbedingungen identifiziert haben.

Diese Frage hat Dirk van Laak, bis vor kurzem Bearbeiter des Nachlasses Carl Schmitts im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, aufgenommen. Dabei ist ein Stück Intellektuellengeschichte der frühen Bundesrepublik aus der Sicht eines Kulturhistorikers entstanden, der vor allem die Generations- und Gruppenphänomene von "Deutungseliten" im Blick hat. Die soziologisch anspruchslosen Mittel der "Kreiselforschung" sind jenen informellen Gesprächsrunden angemessen, in denen sich auch nach dem Ende des Krieges an vielen Orten orientierungsbedürftige Bürger und Intellektuelle zusammengefunden hatten. Einige dieser Gruppen dienten darüber hinaus dem handfesteren Ziel der Kontaktaufnahme und wechselseitigen Hilfe unter den alten, sozial und geistig zunächst aus der Bahn geworfenen PGs.