Von Jürgen Dahl

Im Foyer von fides, der größten Chrysanthemenzüchterei der Welt, ist der Boden mit spiegelndem Marmor ausgelegt. Eine gläserne Vitrine präsentiert blankpolierte Siegerpokale, in einer anderen liegen unscheinbare Tonscherben, die davon künden, daß hier, in De Lier, zwischen Rotterdam und Den Haag, einst die Römer gewohnt haben.

Genau zu der Zeit, als sie die Koffer packten, um Britannien zu erobern, vor 2000 Jahren also, waren am anderen Ende der Welt, in China und Japan, kundige Gärtner damit beschäftigt, eben jene Chrysantheme züchterisch zu veredeln und zu variieren, die heute an diesem Ort immer weiter variiert und veredelt wird.

Vor ein paar Wochen hat der japanische Bierkonzern Kirin die holländische Chrysanthemenzüchterei aufgekauft; so ist die Chrysantheme heimgekehrt in die Hände derer, die diese Blume unzählige Male neugeschaffen haben, indem sie aus dem heimischen Chrysanthemum indicum eine unüberschaubare Zahl von Sorten erzüchteten, zu denen heute, allein in diesem Betrieb, alljährlich um die zwanzig neue kommen: großblütige und kleinblütige, gefüllte und einfache, einblütige und straußblütige – in allen Farben zwischen Weiß und Gelb und Rot.

Zwanzig Hektar hat die Blumenfabrik unter Glas, das ist, ein paar Zwischenwände und Passagen nicht gerechnet, ein einziges Gewächshaus mit der Grundfläche von 28 Fußballfeldern; und wer, durch die holländische Glashauslandschaft fahrend, unter den glitzernden Dächern Gärtnereien vermutet, geht fehl: Es sind Fabriken für Gemüse und Blumen,

Hier also werden Chrysanthemen fabriziert, und obwohl die Pflanze im Freiland gut gedeiht, braucht man dazu Gewächshäuser. Denn ein rentierlicher Handel mit dieser Blume ist nur möglich, wenn sie übers ganze Jahr hinweg produziert werden kann. Die Chrysantheme macht es in dieser Beziehung den Blumenfabrikanten leicht: Sie erblüht zwar erst, wenn es spät am Morgen hell und früh am Nachmittag wieder dunkel wird. Doch sie läßt sich leicht täuschen, wenn man den Kurztag durch Verdunkelung der Glashäuser simuliert. Das setzt den Blumenhandel in den Stand, uns selbst im Hochsommer blühende Chrysanthemen zu offerieren.

Aber die Chrysanthemen, die die Gärtner mit Hilfe dicht schließender Plastikgardinen kontinuierlich erblühen lassen, sind nur ein kleiner Teil der Produktion; sie dienen dem Test auf den Großmärkten. Wichtiger sind die Stecklinge der hier gezüchteten Sorten, von denen im Jahr 450 Millionen (das sind am Tag fast anderthalb Millionen) an Vertragsgärtner in aller Welt zur Aufzucht oder Weiterzucht verschickt werden. Mit den neugezüchteten Sorten verhält es sich nämlich so, daß sie, wenn man ihre Samen aussät, wieder ihre eigenen Eltern und Voreltern hervorbringen. Eine "sortenechte" Vermehrung ist nur mit Stecklingen möglich. Das wußten natürlich schon die Gärtner im alten China – und sogar die Hofdamen der Kaiserin Hsu, deren eine berichtet: