Wie man es dreht und wendet, die Geschichte des Christentums ist auch eine Erfolgsgeschichte. Zu hinterfragen, warum sie so erfolgreich war, ist kein schlechter Wegweiser. Und so beginnt man mit freudiger Neugier eine "Geschichte des Christentums", für die siebzehn angelsächsische Historiker, Männer von Rang (nebst einer Quotenfrau), als Autoren verantwortlich zeichnen "Das Göttliche", so erfahren wir über das Glaubensgefühl der antiken Christen, "war immer da und wartete darauf, wie ein Blitz durch die Wolken zu brechen und durch den Blitzableiter der Anbetung, des Altars, des Kirchenbaus, des toten oder lebendigen Heiligen auf die Erde zu fahren Kein Wunder, daß es der Kirche gelang, "bis 250 ungehindert die oberen Schichten der römischen Gesellschaft zu durchbrechen". Man hört es förmlich knallen.

Mindestens so anschaulich wird dem Leser das Mittelalter nahegebracht, als "alle großen christlichen Feste durch Legenden und zusätzliche Geschichten angereichert wurden". Denn wer es noch nicht wußte: "Die moderne Feier des Weihnachtsfestes mit den drei Königen, mitten im tiefen Winter, mit Tieren, Geschenken und Tannenbäumen, bewahrt etwas von dieser mittelalterlichen Mixtur Besonders hintersinnig wird es beim Thema der mittelalterlichen Ketzer: "Sie lehnten Fleisch und alle anderen Produkte des Geschlechtsverkehrs ab "

Nach dem Gelächter folgt der Ärger. Zum Beispiel wenn es um die Trennung der englischen von der römischen Kirche geht: "Der Papst verfügte, Heinrich müsse seine Ehe respektieren, Heinrichs Gewissen dagegen sagte ihm, sie nicht als gültig anzuerkennen. Heinrichs Gewissen, das schließlich die Oberhand gewann, führte nicht nur zu Scheidung und neuer Ehe, sondern löste eine Reihe unvorhergesehener, aber logisch zusammenhängender religiöser Veränderungen aus, die wir als die englische Reformation bezeichnen "

Und wie erklärt sich die Kirchenspaltung in Deutschland? Ganz einfach: "Luthers Zorn über diese schamlosen Ablaßpredigten löste einen unerwarteten Sturm öffentlicher Sympathien aus, die die weltlichen und geistlichen Autoritäten nicht unterdrücken konnten. Diese Vorgänge bezeichnen wir als Reformation Doch selbst dieses Niveau wird an anderer Stelle noch unterboten mit der Feststellung, "daß Luther den Protestantismus erfand".

Auch vor harten Wahrheiten schreckt diese "Geschichte des Christentums" nicht zurück, wenn es um die christlichen Eroberer Südamerikas geht: "Wer die Mentalität des frühen 16. Jahrhunderts verstehen will, muß sich mit Männern abfinden, die darauf bestanden, daß Indianerfrauen erst die Taufe annehmen, ehe sie zu Nebenfrauen genommen wurden Apropos Indianer. In Kanada wollten Missionare örtliche Bräuche ins Christentum übernehmen. Doch die Menschenfreunde scheiterten, denn: "Die Indianer waren grausam und verräterisch, ihre einzige Tugend war die Tapferkeit "

Wo soll man anfangen, wo aufhören bei so viel Unsinn und Peinlichkeiten, so wenig Differenzierung, so vielen Fehlern? "Die Katholiken verbrannten mehr Hexen als die Protestanten" falsch. Der Hexenwahn kannte keine Konfessionsgrenzen "Pius XII, ein Mann des Gebets, ansonsten (!) eher weltfremd" - falsch. Ob Psychoanalyse, Film oder Kernenergie, gerade dieser Papst hat sich zu allem und jedem geäußert Über das problematische Verhältnis Frauen und Kirche im 20. Jahrhundert erfahren wir nichts außer Lächerlichkeiten: "Bei der Vorstellung, daß alle Frauen beschlössen, voll berufstätig zu sein wurde den Kirchen angst und bange, weil sie sich die Folgen für Kinder und Heim ausmalten "

Außer Marginalien - und da wird es noch skandalöser - nichts über die Beziehung des Christentums zum Judentum durch zwei Jahrtausende. Die Stichworte Antisemitismus und AntiJudaismus gibt es nicht iöi Register. Dafür im Text die Zementierung des bösen Vorurteils vom "primitiven" Gott der Juden: "Um 1800 wurde das Alte Testament allmählich auch (!) für Christen zu einem moralischen Problem Doch da bewiesen die Historiker, "wie sich die Idee Gottes durch die hebräischen Jahrhunderte hindurch bis zu ihrer Erfüllung im Neuen Testament entwickelt hatte". Nein, da mögen die zahlreichen Abbildungen noch so interessant sein: Diese "Geschichte des Christentums" wäre besser nicht erschienen. Weil Qualität nichts mit Quantität zu tun hat, ist der Vergleich erlaubt mit einer anderen "Geschichte des Christentums", auch wenn es sich um ein vierzehnbändiges Mammutprojekt handelt. In den drei bisher erschienenen Bänden des Herder Verlags ist es beispielhaft gelungen, eine Überfülle an Fakten intelligent aufzubereiten, eine Balance zu halten zwischen Überblick und Detail, langfristige Entwicklungen zu deuten und das dichte Geflecht von Religion, Kultur und Politik für Genießer und Verächter des Christentums gleichermaßen spannend aufzudröseln.