Von Ulrich Horstmann

Bevor sie versinken, können sich Schiffe so weit aufbäumen, daß ihre Rümpfe senkrecht stehen. Wenn man diese erstaunliche Abschiedsvorstellung gleich mit einer ganzen Flotte durchexerziert und den Vorgang in extremem Zeitlupentempo ablaufen läßt, dürfte man auf die geheime architektonische Vision gestoßen sein, der sich die Trabantenstädte in West und Ost verdanken. Eine vor den Toren von Budapest heißt Angyalföld und wird in die Literaturgeschichte eingehen, denn dort hat Imre Kertész in einem halben Wohnsilozimmer ein wundersames Stärkungsmittel für all diejenigen entwickelt, die sich auf den mobilen oder stationären Seelenverkäufern des 20. Jahrhunderts wiederfinden. Es ist in Buchform erhältlich, umfaßt die – erst teilweise ins Deutsche übersetzte – Romantrilogie "Mensch ohne Schicksal", "Fiasko", "Kaddish für ein nicht geborenes Kind", die unter dem Titel "Die englische Flagge" versammelte erzählende und essayistische Prosa sowie die von 1961 bis 1991 entstandene "Selbstdokumentation" des "Galeerentagebuchs".

Das Hauptingrediens ist alt, aber im postmodernen Pluralitätenkabinett nur noch unter der Hand zu haben und heißt Wahrhaftigkeit. Keine Seite, auf der sie nicht zu finden wäre, keine Überlegung, die sich eine Beimischung von Verbitterung oder Haß gestattete. Um abschätzen zu können, wieviel allein damit gesagt ist, muß man sich die Biographie Kertész’ in Umrissen vergegenwärtigen: 1944 als Jugendlicher nach Auschwitz deportiert, 1945 in Buchenwald befreit, journalistische und literarische Lehrjahre, danach ein Menschenalter in einem totalitären Staat, der die Publikation seiner Werke behinderte und hintertrieb. "Heute", schreibt er rückblickend im "Galeerentagebuch", "verstehe ich kaum noch, daß ich aus- und durchgehalten, mir sogar einen geistigen Lebensraum geschaffen habe, unempfindlich der materiellen und geistigen Armut, blind der Gefahr gegenüber."

Verwunderung, Staunen über die eigene Fortdauer und Widerstandskraft anstelle von Selbstgerechtigkeit und Triumphalismus, auch das ist symptomatisch für Kertész und seinen Umgang mit den drei großen Themen seines Lebens: dem nationalsozialistischen Holocaust, dem schäbigen Menschen- und Persönlichkeitsverschleiß im real existierenden Sozialismus und der lebensrettenden Schinderei für die Kunst. Wie Motivstränge verbindet das dreifache Skandalon die Notate, Reflexionen, Aphorismen, Prosaskizzen und Kurzessays aus dreißig Jahren, aber es macht sie nicht linientreu.

"Im moralischen Sinn ist es möglich, ja sogar nötig, im Paradox zu leben; nicht jedoch im Kompromiß", heißt es an einer Stelle, und diese Maxime bewahrt den Autor nicht nur bei der Auseinandersetzung mit der "Endlösung" vor der mörderischen Gefügigkeit selbst der Täter. Natürlich kann der KZ-Insasse Kertész nur als Überlebender existieren und, wie das Romanwerk beweist, nur als Zeuge und Zeugnis Ablegender schreiben: "Ganz gleich, woran ich denke, immer denke ich an Auschwitz. Auch wenn ich scheinbar von etwas ganz anderem spreche, spreche ich von Auschwitz. Ich bin ein Medium des Geistes von Auschwitz, Auschwitz spricht aus mir. Im Vergleich dazu erscheint mir alles andere als Schwachsinn." Aber im Gegensatz zu den meisten Aufarbeitungsversuchen des "größten Traumas in Europa seit dem Kreuz" erzählt er sich über die Opferrolle hinaus, denkt sich aus ihr heraus, entkommt der eisernen Jungfrau Mnemosyne, so gut es geht. Nur ein Entronnener kann das aufbegehrende Diktum zu Papier bringen: "Auschwitz hat der Kunst unter anderem auch deshalb geschadet, weil sie seitdem vorsichtiger geworden ist, wie ein Invalide. Alles hat seine Kühnheit verloren."

Und wohl nur jemand, der "unvorsichtig" genug ist, bei einem Buchenwald-Besuch seine Teilnahmslosigkeit zu protokollieren und sein Unbehagen darüber, "daß meine ,Geschichte‘ mich zu einer gewissen Haltung zwingt, mit der ich mich in diesem Augenblick nicht im geringsten identifizieren konnte", kann diese Kühnheit wiederfinden. Zum Beispiel in der Beschreibung des "Auschwitz-Prinzips der Natur" oder in der souveränen Reaktion auf die erneute Zuwendung der Rechtsnachfolger seiner Peiniger: "Einladung zum Essen in die (west)deutsche Botschaft; die Karte mit dem deutschen Adler darauf. Wenn Adolf Hitler das sehen könnte..."

Diese Aufrichtigkeit gerade im Zwiespalt, die Verweigerung gegenüber dem Erwarteten und Gehörigen, charakterisiert auch das Verhältnis Kertész’ zu seiner sozialistischen Umwelt. Im "Galeerentagebuch" gibt es messerscharfe Analysen zuhauf, die die Misere des Systems von allen Seiten beleuchten und ihm sein fadenscheiniges Deckmäntelchen parteilicher Menschenliebe herunterreißen. Eine der eindrucksvollsten und zugleich unversöhnlichsten Momentaufnahmen ist 1980 während eines längeren DDR-Aufenthaltes entstanden, bei dem sich dem Stipendiaten immer unabweisbarer die Frage aufdrängt, warum es bei soviel Erniedrigung "nicht jede Nacht zu Massakern, Brandstiftungen, Blutbädern und Plünderungen kommt"? Aber auch in seiner ungarischen Heimat begegnen ihm nur noch "Gesichter von Verviehten" und eine öffentliche Verkommenheit "wie wohl im fünfzigsten oder sechzigsten Jahr der türkischen Besetzung".