Weniger Lohn für kürzere Arbeit – so simpel die Idee im Prinzip ist, so kompliziert ist das Modell der Vier-Tage-Woche bei VW. Zwar sinken formal die Monatslöhne um zwanzig Prozent. Zugleich wird jedoch die um ein Jahr vorgezogene 35-Stunden-Woche angerechnet, das dreizehnte Monatsgehalt sowie zwei Drittel des Urlaubsgelds werden auf die Monatslöhne umgelegt. Das Jahreseinkommen eines Facharbeiters der weitverbreiteten Tarifgruppe F sinkt so von fast 58 000 auf nunmehr knapp 52 000 Mark, durch diese Umschichtungen und einige weitere Rechenmanöver erhält er aber wie bisher monatlich 4099 Mark. Das ist nicht nur für die Haushaltsrechnungen der Betroffenen wichtig, sondern etwa auch für das Arbeitslosengeld. Der Vorteil für das Unternehmen: Basis für künftige Tariferhöhungen ist der formal auf 3279 Mark gesunkene Monatslohn.

Bundesweites Rätselraten löste die Frage aus, wie es denn möglich sei, daß VW die Personalkosten um fast zwanzig Prozent senkt, die Beschäftigten aber dennoch nur auf gut zehn Prozent ihres Jahreseinkommens verzichten müssen. Zum einen spart Volkswagen in erheblichem Maße Lohnnebenkosten, die sich in den Einkommen der Arbeitnehmer auch bisher nicht niedergeschlagen haben. Hinzu kommen allerlei Personalkosten wie etwa Kantinenzuschüsse, die nun sinken. Der Verzicht auf die sogenannte "Verschickung", einen Sonderurlaub für Schichtarbeiter, entlastet ebenfalls die Konzernbilanz, ohne daß den Beschäftigten Geld verlorengeht. Vor allem aber liegen den Berechnungen von Betriebsrat und Unternehmen unterschiedliche Vergleichszeiträume zugrunde. Aus Sicht der Arbeitnehmer sind die bisher gezahlten Löhne (Stand 31. Oktober 1993) der Maßstab. Der Konzern hingegen orientiert sich an den Personalkosten, die ohne den neuen Vertrag im kommenden Jahr fällig gewesen wären – und die wären unter anderem wegen bereits fest vereinbarter Lohnsteigerungen um einige Prozentpunkte gestiegen. So kommen beide Seiten auf elegante Art zu einem schönen Rechenergebnis. ad