Von Alain Finkielkraut

In seiner schmalen Abhandlung "Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nichts für die Theorie richtig schreibt Immanuel Kant, das Drama der Menschheitsgeschichte müsse einen erkennbaren Sinn ergeben, damit man auf Dauer Interesse für es aufgeben, könne. Die Schauspieler blieben zwar leidenschaftlich bei der Sache, auch wenn es zwar klares Ziel gebe, wenn weder eine Richtung erkennbar noch eine Lösung in Sicht sei, denn sie sind "Narren", das heißt Gefangene ihrer beschränkten Sicht. Der Zuschauer hingegen, und sei er auch besten Willens, wird des Schauspiels unweigerlich müde, da er "an einem oder dem anderen Akt genug hat, wenn er daran mit Grunde annehmen kann, daß das nie zu Ende kommende Stück ein ewiges Einerlei sei".

Die Lage des heutigen Zuschauers des Konfliktes in Kroatien und Bosnien-Herzegowina entspricht genau der von Kant beschriebenen. Seit der Krieg dort zu einem konturlosen Wirrwar geworden ist, seit alle gegen alle kämpfen – Serben gegen Kroaten und Muslime, Kroaten gegen Muslime, Muslime gegen Kroaten, Muslime gegeneinander, Serben und Kroaten gemeinsam gegen die Muslime, Muslime gegen Kroaten mit freundlich von den Serben zur Verfügung gestellten Waffen – und seitdem die Angegriffenen sich die Methoden der Aggressoren zu eigen gemacht haben, hat die aufgeklärte öffentliche Meinung resigniert. Nicht, daß sie heute etwa misanthropischer oder minder kosmopolitisch eingestellt wäre als gestern. Nur haben die alles umgreifende Konfusion und der endlos wiederholte Horror ihre Neugier erschöpft. "Eine Weile diesem Trauerspiel zuzuschauen", bemerkt Kant, "kann vielleicht rührend und belehrend sein; aber endlich muß doch der Vorhang fallen." Und obwohl für Sarajevo der zweite Winter ohne Heizung, ohne Wasser und ohne Waffen beginnt, mit denen es das serbische Bombardement erwidern könnte, fällt der Vorhang bereits.

Anders gesagt: Wir mögen ja noch so entrüstet ein weiteres noch die entrüstet Frivolität, die Kurzlebigkeit der Frivolität, anprangern, durch die alle Zuschauer der Welt zu Subjekten werden, die ergriffen sind und doch inkonsequent, zu Subjekten, die vor Gefühlen überquellen und zugleich vollkommen gefühllos sind. Doch mit dieser Erklärung dürfen wir uns nicht begnügen. Kant zwingt uns, den gegenwärtigen Überdruß der Zuschauer genau zur Kenntnis zu nehmen.

Kant überläßt dieser Resignation nicht das letzte Wort. Weil er davon ausgeht, daß die Menschheitsgeschichte einen Sinn ergeben müsse, formuliert er, was Hegel später die "Wirkung des Negativen" nennen wird, folgendermaßen: "So muß auch die Noth aus den beständigen Kriegen, in welchen wiederum Staaten einander zu schmälern oder zu unterjochen suchen, sie zuletzt dahin bringen, selbst wider Willen entweder in eine weltbürgerliche Verfassung zu treten; oder, ist ein solcher Zustand eines allgemeinen Friedens ... auf einer anderen Seite der Freiheit noch gefährlicher, indem er den schrecklichsten Despotismus herbei führt, so muß sie diese Noth doch zu einem Zustande zwingen, der zwar kein weltbürgerliches gemeines Wesen unter einem Oberhaupt, aber doch ein rechtlicher Zustand der Föderation nach einem gemeinschaftlich verabredeten Völkerrecht ist."

Dieses Szenario, das Kant 1793 beschrieben hat, wurde in Europa nach 1945 realisiert: Nach der Kapitulation der Nazis macht Europa sich an den Aufbau nicht eines Völkerstaates, wohl aber – wie Kant es vorhergesehen hatte – eines Völkerbundes, um die Wiederkehr von Despotismus und Krieg zu vermeiden. Genau dieses Allianzmodell oder seine skandinavische Ausprägung haben die Slowenische und die Kroatische Republik erfolglos dem brutalen Griff Serbiens entgegenzusetzen versucht.

Beim kroatischen Referendum vom 19. Mai 1991, also nachdem serbische Separatisten in Borovo Selo ein Dutzend kroatischer Polizisten abgeschlachtet (und nachdem sie die zuvor zerstückelten und dann vertauscht wieder zusammengesetzten Leichen per Paket ins kroatische Verteidigungsministerium expediert) hatten, stimmten die Wähler mit großer Mehrheit für eine Vorlage folgenden Wortlauts: "Da Kroatien als souveränes und unabhängiges Land den Serben und den Angehörigen anderer in Kroatien lebender Nationalitäten kulturelle Autonomie und sämtliche Bürgerrechte garantiert, kann es sich mit anderen Republiken zu einem Bund souveräner Staaten zusammenschließen." Die Antwort auf diese Entscheidung war Krieg. Kein Bürgerkrieg, wie es nachlässig heißt und mechanisch nachgeplappert wird, sondern ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung, die als solche als Feind betrachtet und mit militärischen Mitteln angegriffen wird, als gälte der Einsatz einer Armee.