Von Maruša Krese

Es ist schon dunkel. Wegen der Ausgangssperre muß man rechtzeitig nach Hause gehen. Auch meine beiden Freunde, die mich bis Marin Dvor begleiten, wo ich wohne, müssen noch sicher nach Hause kommen. Wir können uns das Lachen nicht verkneifen, denn ich bin im Dunkeln nicht so geschickt wie die beiden, die schon achtzehn Monate Übung haben. Freundlich grüßen wir auf unserem nur wenige hundert Meter langen Weg die zahlreichen Polizisten, die in Grüppchen hinter ihren Barrikaden stehen. Für einige Momente haben wir die Zeit vergessen, auch die Schüsse, die ununterbrochen auf die Stadt niedergehen, und wir vergessen auch, daß wir eigentlich in kein einziges modernes, von den Medien vermitteltes Bild hineinpassen. Wir gehen gemeinsam zur Tür, umarmen uns und drücken uns heftig die Hand (das ist in Sarajevo schon zu einem Ritual geworden). Ich verspreche beiden, daß ich mich ganz bestimmt verabschieden komme und wichtige Briefe aus Sarajevo mitnehme. Ich sehe ihnen nach, wie sie fortrennen, denn wenn um 22 Uhr die Ausgangssperre verhängt wird, fragt niemand mehr, wer wer ist, sondern es wird einfach geschossen. Ich beobachte sie, einer ist groß, der andere klein, der eine ist Montenegriner, der andere Muslim. Ist das überhaupt wichtig? Für die beiden nicht, für andere leider ja. Beide sind Sarajlije, also Einwohner von Sarajevo. Marko Vešović und Abdullah Sidran. Beide sind Dichter, und beide sind in Sarajevo geblieben.

Wenige Stunden später im Bett. Ich blättere in dem Buch "Sarajevski tabut" von Abdullah Sidran, dem ersten, das im Oktober 1993 in der neuen Edition des Verlags Bosanska knjiga erschienen ist. Tabut ist ein traditioneller muslimischer Sarg, der sich vom christlichen dadurch unterscheidet, daß er keinen Deckel hat und alle Seiten ungleichmäßig sind. Die Erkenntnis, daß die Form des tabuts der äußeren Grundrißcharakteristik Sarajevos seit fünf Jahrhunderten ähnelt, ist erschütternd. Tabut, denke ich. In dem Zimmer, in dem ich schlafe, hört man ununterbrochen Schüsse vom jüdischen Friedhof her, nur hundert Meter Luftlinie von meinem Bett entfernt.

Marko Vešović schreibt im Nachwort zu Sidrans Buch: "Im Leben jedes Einzelnen wiederholt sich das Leben der ganzen Nation."

Sidran meint: "Ich suche den tieferen Sinn allen Geschehens. In Bosnien wurden 200 000 Menschen getötet, vertrieben wurden Millionen von Bosniern. Und nun etwas scheinbar Paradoxes. Je weniger Menschen es gibt, um so größer wird das Zugehörigkeitsgefühl zu ihrer Heimat Bosnien. Noch vor ein bis zwei Jahren hat sich der bosnische Patriotismus immer wieder verloren und verrannt in den Abstraktionen der jugoslawischen Idee. Heute bekennen sich die Leute zu ihrer bosnischen Identität, zu ihrem bosnischen Wesen... Die, die überleben, werden ein starkes Volk sein. Ein zahlenmäßig geringeres, aber mächtiges europäisches slawisches Volk." Sidrans Gedicht "Die vorübergehen", lange vor dem Krieg geschrieben, erscheint heute wie eine düstere Prophezeiung. Das jüdische Schicksal ist heute das Schicksal des bosnischen Volkes, des Volkes von Sidran.

Heute haben wir in Sidrans Küche gesessen. Der Dichter bot uns Brot und Pastete an, wollte uns aber nicht anvertrauen, woher er diese kulinarischen Kostbarkeiten hatte. Auf dem Tisch stehen ein Radio, angeschlossen an eine Autobatterie, und eine Kerze. Jeder Schriftsteller in Sarajevo hat von der Soros Open Society eine Leselampe mit Solarzelle bekommen. Leider sind aber fast alle schon kaputt. Marko und Sidran tauschen einige Sätze über diese dämlichen Lampen aus, die nur ab und zu aufflackern. Er soll sie zu Huso bringen, rät ihm Marko.

"Hast du gesehen, wie wir leben?" schaut mich Sidran fragend an. Sidran beginnt, von dem Film zu erzählen, für den er das Drehbuch geschrieben hat. Die Hauptgestalt ist ein Mann, der, getrennt von seiner Familie, fortwährend eine Vision von seiner Tochter hat, die im Exil lebt.