Der Kleinhäusler-Blues

Von Helmut Schödel

Der große Krieg war schon seit Jahren vorbei – da hörte man in der Vorstadt von Reichenhall, einem bayerischen Kurort unweit Salzburgs, Schüsse. Sie wurden aus einem Kellerfenster abgefeuert und galten einer Krähe auf einem Baum in der Angerwiese vor einem Haus im Reichenhaller Ortsteil Staufenbrücke, auf bayerisch: Staffabruck. Was der Schütze, zu Hitlers Zeiten Sprengmeister (und ein passionierter Jäger ohne Revier), nicht bedachte: daß hinter dem Baum das Nachbarhaus stand. Dort saßen die Kleinhäusler der Arme-Leute-Vorstadt beim Kaffeetrinken, als eine Kugel im Wohnzimmer einschlug.

Heutzutage wäre eine Stunde nach dem Schuß ein Reporter der Bild- Zeitung in Reichenhall, die Polizei würde nach Schmauchspuren fahnden und den Täter der Psychiatrie überantworten. Die Damaligen aber sagten nur: "Der soll endlich aufhörn, der Verrückte!" In diesem Staffabrucker Milieu wuchs Georg Ringsgwandl auf. Er sagt: "Für so einen Sprengmeister war der Krieg ein Boom. Wo sollt der denn hin mit seinem Sprengmeister-Ego. Also hat er einen Gewehrschrank ghabt und eine Schießanlage im Keller. Wenn der Iwan kimmt, hat er gsagt, so ganz ohne was kimmt der net nei nach Staffabruck."

Um Staffabruck aufzubauen, wurde nach dem Krieg ein Auenwald gerodet. Dort bekamen mittellose Reichenhaller Grund und Boden, damit sie sich "irgend a Hütten hinstelln konnten". Diese eingeschossigen Häuser auf der Angerwiese wurden "in Eigenleistung erstellt", sagt Ringsgwandl, "nach der Arbeit und am Wochenende, und so hams auch ausgschaut". Er sagt: "Staffabruck war ein Biotop, eine Pionierstimmung, eine Gemeinschaft damals junger Leute, die neu anfangen wollten." Ungeteerte Straßen, ein Haufen Kinder in den Gartenparzellen, das einzige Telephon im Kolonialwarenladen der Staffabrucker Krämerin. Landnahme, Wildnis, Unterentwicklung. Eine Welt ohne Unterschied zwischen Theorie und Praxis, Denken und Handeln, Werten und Tatsachen. Ringsgwandl sagt: "Manche Dinge san kerzengrad so, wies san." So muß Staffabruck gewesen sein. Ballert einer an einem Sonntagnachmittag mit seinem Gewehr herum, dann erhebt sich keine Frage, und es entsteht kein Problem. Nur aufhören muß er halt. So denkt und handelt Ringsgwandl auch heute noch. Jeder Auftritt ist eine Polemik gegen unsere "akademische Welt" und alle, die der bayerische Filmemacher Herbert Achternbusch "die Universitätslöffel" nennt.

"Mir san scho saumäßig streng ghaltn wordn", sagt Ringsgwandl. "Mei Vater hat so a verhornte Pratzn ghabt – wie a Christbaumbrettl. Mit einem Schlag hat der mich durch die ganze Küchn ghaut." Ein Bericht über die Roheit, eine Lebensbeichte aus dem Mittelalter des 20. Jahrhunderts, siehe unter Innerhofer, Winkler, Mitterer und so weiter. Die archaische Form der Klage ist die Litanei, eine Art Rap der Geschundenen. Solche Lieder singt auch Ringsgwandl, aber nie, ohne den Schrecken in eine Chance zu verwandeln: "Dann bin ich mit vierzehn zu den Reichenhaller Ringern gangen, um zu lernen, wie man sich wehrt."

An der Staffabrucker Steinzeit-Pädagogik seien viele gescheitert. "Aber", sagt Ringsgwandl, "alles noch besser als diese verpißte Wärme, die man sich heute vorgaukelt." Er sagt: "Es hat doch einen Grund, daß aus der Gesamtheit unserer Waldorfschulen kein einziger Achternbusch hervorgegangen ist, sondern ein riesiger Haufn von laschen Typen, die brav ihren Müll trenna. Die lernen dort net, wie das Leben geht, sondern wie sich der geistige Mittelstand das Paradies vorstellt."

Ringsgwandl, der hauptsächlich in Garmisch lebt, sitzt in seiner Münchner Stadtwohnung an einem runden Holztisch und erzählt. Zum Beispiel vom Erblasser des Holztisches: Alois Ringsgwandl, Cousin des Vaters, Sohn einer ledigen Bauernmagd. Ist mit zwölf von zu Hause ausgerissen und mit einer Schuhplattlertruppe nach Paris verschwunden. "Der hat mit der Hand fischen kenna! Langt unter an Stoa und hat an Fisch in der Hand! A richtiger Sauhund – kurz und grob, zünftig und lustig."

Der Kleinhäusler-Blues

Natürlich gebraucht Ringsgwandl solche Vokabeln zum Provozieren. Ringsgwandl ist kein bayerischer Provinzler, hat Staffabruck verlassen, Medizin studiert, war Assistenzarzt am Münchner Klinikum Großhadern, hat in Amerika gelebt und zuletzt als Oberarzt in Garmisch gearbeitet, Intensivstation, innere Abteilung. Jetzt hat er "diese Vorführungen affiger Eitelkeiten, die so a akademische Welt zu bietn hat, im Verbund mit aner naiven Patientenschaft", hinter sich gelassen. Statt ins Krankenhaus zu gehen, bereitet er zu Hause einen Arztroman vor, "nicht noch einmal was Medizinkritisches, sondern einen Schelmenroman". Titel: "Der Schwindler".

Schon seit den siebziger Jahren trat Ringsgwandl in seiner Freizeit in punkigen Maskeraden vor einem Kleinkunstpublikum auf. Unter der Schminke verbargen sich zwei ziemlich gegensätzliche Figuren, ein verhauter Rock ’n’ Roller und ein intellektueller Robin Hood, die in einer Mischung aus hellem Wahn und defensiver Mitleidlosigkeit einem, nach Ringsgwandls Vorstellung, scheintoten Publikum letzte Hilfe zu leisten versuchten.

In den vergangenen Jahren mußte er mit diesem Rock-Kabarett von den kleinen Theatern in große Hallen umziehen, und trotzdem legt er jetzt auch diese Maskerade ab, verzichtet auf seine Band, fängt wieder ganz von vorne an, tritt mit einer akustischen Gitarre als Solist auf und singt ein paar Lieder über die große Zeit von Staffabruck, einer extremen Welt aus Idylle und Katastrophe.

Es ist, als erfülle sich nun auch in seinem Leben die Geschichte der Ringsgwandls: Das Roden hat begonnen. Er geht nicht mit der Axt vor, und sein Feind ist nicht der Auenwald. Mit seinem typischen Vorstadt-Argot haut er so lange Schneise um Schneise in unsere Scheinwelt, bis sich eine Angerwiese findet, auf der man noch irgendwie "dahoam" sein kann, "in dera verheerenden Gesellschaft". Staffabrucker Pioniergeist.

Als die zweite Bauphase über Staffabruck hereinbrach, das Aufstocken und Anbauen der sechziger Jahre begann, war bald nichts mehr übrig vom alten Ort: versunken in einer Angerwiese in der Wohlstandszeit. Dieser Untergang hat Ringsgwandl schon seit langem beschäftigt. Die meisten Lieder stammen aus den siebziger Jahren, was man ihnen wunderbarerweise nicht anmerkt. So erscheint die CD verspätet und doch rechtzeitig: Ringsgwandls unterirdischer Heimweh-Blues. Auf dem Cover: ein Kinderphoto. Es zeigt den jungen Ringsgwandl im Vorschulalter, die jüngere Schwester an der Hand, im Garten hinterm Haus. Aber dieser Frieden täuscht: Die CD beginnt mit der Geschichte einer Hinrichtung und endet mit einer Todesanzeige. Die berichtet vom Sterben der Oma, der Ringsgwandl eine bissige Liebeserklärung nachsingt, und der Todesspruch ergeht zum Nachteil des Delinquenten Matthias Kneißl.

Ringsgwandl sitzt mit seiner Gitarre auf der Bühne der Münchner Muffathalle und erzählt von den Kneißl-Kindern. "Zwischen Dachau und Aichach ham die allein in einer kleinen Mühle ghaust." Er sagt: "Da is damals net gleich a Brigade von Sozialarbeitern aufbrochn." Bevor Matthias Kneißl ein Volksheld wurde, hat er das Leben eines jungen Desperados geführt, mit allem Drum und Dran, mit Raub und mit "Gfechtln", sagt Ringsgwandl. "Irgendwie war er a wichtige Figur, weil sogar der Strauß hat sich von ihm distanziert." Anfang des Jahrhunderts wurde Kneißl noch als junger Kerl von Ende Zwanzig hingerichtet, Gnadengesuche wurden abgelehnt. Ringsgwandl sagt: "Angesichts dieses bodenlos traurigen Lebens eine wirklich beeindruckende Erbarmungslosigkeit."

Dann singt er seine Ballade vom Kneißl, Matthias, auf bayerisch: Hias. Ein schleppender Gesang, der dem Delinquenten widerstrebend zur Richtstätte folgt: "Es war a Montag vor gar net so langer Zeit, / die Vögel ham net gsunga, un die Glocken ham net gleit. / Da hams den Kneißl, Hias, zur Hinrichtung gfahrn. / Im Rollstuhl! / Denn in seim Buckl, da warn die Kugeln von die bayerischen Gendarm. / ... / Doch der Hiasei, der war koid, / der hat gwußt, er muß scho boid / in den ewigen Woid."

Der Kleinhäusler-Blues

Ringsgwandl entwirft seinem Kneißl ein ewiges Leben in einer bukolischen Idylle. Eine Welt ohne "Pforrer" und ohne "Bürgermoaster", und durch den ewigen Wald hüpfen die Rehe und die Hirsche. Die Staffabrucker Phantasie ist schlicht radikal, radikal schlicht und, was sie in Reichenhall nicht wissen konnten, eine Kombination aus Ernst Jünger und Heiner Müller: "Zierat an den Fundamenten geht auf Kosten der Sicherheit." Ringsgwandl zersingt diese simplen Träume in einer wundersamen Mischung aus Traurigkeit und Zyankali. Und er holt den Kneißl heim nach Staffabruck, wenn er sagt: "Er war einer von die Altn, er war einer von die Echtn. / Aber gjagt hams ihn sei Lebn lang wie an Hund, an ganz an schlechten. / Den Kneißl, Hias."

Mit diesen Staffabrucker Liedern übertrifft sich Ringsgwandl als Troubadour des Todes und formuliert zugleich ein allerletztes Epitaph auf die Protestsongkultur. Er führt sie als das vor, was sie immer war: Lieder zorniger Kinder über den schwarzen Mann. "Hart sein" ist so ein Staffabrucker Blues der Knöpfe.

In der Wohnküche fragt der Sohn den Papa: "Sog, wie geht des zu, daß wir dahaam jede Mark umdrahn / und alleweil noch mitm Pfennig sparn, / während die anderen schwere Autos fahrn / und die allerschärfsten Weiber umananderzahrn?" Der Vater wird nicht böse, sondern traurig: "Es gibt Leut, die verdiena ihr Geld beim Schlafn, drin im Bett. / Doch, vergiß net, Bua: / Zu dena ghörst du net. / Du mußt hart sei, Buale."

"Ja", singt Ringsgwandl, "das Glück is manchmal a Schlampn, mit aner schmuddeligen Blusn und aner Wampn" (also einem Bierbauch). Und schon wieder steht die Welt kopf. In früheren Liedern war "so a Schlampn" ein Glück, eine dieser vom Leben gestreiften Biergarten-Aphroditen.

Es gehört zu den Wundern dieser CD, daß sich selbst die banalsten Geschichten in Staffabrucker Elegien verwandeln. Ringsgwandl besingt die Winter von damals, und selbst das ist nicht der Schnee von gestern. Natürlich führt er uns auch diesmal zu den Leichen, in die Totenkammer vom Leiner-Bauern: "Vor aner solchen Leich, da kann dirs fei scho grausa. / Bei der Hitz, wenns steht so lange, / zehn Tage oder zwanzig, / ja, da wirds leicht ranzig." So folgt dieser Abend der Ringsgwandlschen Biographie über Staffabruck hinaus in die Alpträume eines Intensivmediziners.

Ringsgwandls Auftritte waren berühmt für ihre zotigen Publikumsbeschimpfungen und ihren aggressiven Sarkasmus. Auch wenn er die schrillen Verkleidungen seines "Trulla Trulla"-Programms jetzt abgelegt hat, die Schweißerbrillen und die Müllsack-Kleider, irgendwann bricht er doch wieder aus ihm heraus, dieser Haß auf eine Gesellschaft aus Bewährungshelfern, Selbsthilfegruppen und Sterndeutern. Dann steht er auf und ruft in die Halle, wer er eigentlich ist: "Ich bin a Skorpion! Mitm Pluto im zehnten Scheißhaus, hätt ich fast gsogt." Dann überläßt er seine 400 Zuhörer einfach sich selber und phantasiert sich fort: in eine traumhaft absurde Theaterszene, ein Gespräch mit einem falsch programmierten Keyboard, das in der Sprache der Bäume und der Gräser antwortet.

Ringsgwandls neues Programm und seine CD: Das ist die schöne Gewißheit, daß wir zwar von den Waldorfschulen nichts zu erwarten haben, aber daß aus Staffabruck oder von irgendeiner anderen Angerwiese dann und wann ein Bob Dylan zu uns kommt. Im Kopf den "Subterranean Homesick Blues" und ein unterirdisches Heimweh.

Der Kleinhäusler-Blues

So ein kreatives Monster wie Georg Ringsgwandl hat natürlich nicht nur einen, sondern mindestens zwei Träume. Die Geschichten des zweiten Traums spielen in den Ruinen der alten Rock-’n’-Roll-Kultur, überstrahlt von Chuck Berry, bewohnt, zum Beispiel, von Georg Schreiner. Das ist einer aus Ringsgwandls Band, dem er früher immer zurief: "Loß kracha, Georgie!" Ein Doppelgänger dieses Münchner Gitarristen wird jetzt zur Hauptfigur eines Singspiels, das Ringsgwandl für das Kölner Schauspielhaus schreibt. Uraufführung 1994, Titel: "Die Tankstelle der Verdammten".

Diese Tankstelle, sagt Ringsgwandl, sei ein Ort, "an dem sich allweil so Abgstürzte treffn, so Vierzig- bis Fünfzigjährige; wos dahoam san". Ringsgwandl sagt es noch einmal: "daheim in dieser verheerenden Gsellschaft". Der eine sei ein "vollkommener Rockstar, der aber den Abflug net gschafft hat; der zwar schwer arbeitet an seinem Thema, aber grad wieder vollkommen runterbrennt is." Einer wie der Schreiner, Georgie.

Der zweite ist ein fetter Endvierziger, Rock-’n’-Roll-Generation, der den "absoluten Halbweltgeschäftsmann" mimt, aber noch bei seiner Mutter wohnt, in der Zeitung die Mercedes-Anzeigen sucht und glücklos Autos "verdealt".

Was diese Looser heraushebt aus dem Rest der Gesellschaft, sind ihre schrägen, Ringsgwandl sagt "verhauten" Träume. Thomas Bernhards "Untergeher" scheiterten gewöhnlich auf dem Gipfel ihrer Kunst. "... und es war nur eine Frage der allerkürzesten Zeit, daß ihn der Gehirnschlag treffen mußte", schreibt Bernhard über Glenn Gould. Ringsgwandls Figuren scheitern an einer traumlosen Gesellschaft. Es war nur eine Frage der allerkürzesten Zeit, daß ihn die "Pratzn" des Gerichtsvollziehers treffen mußte, wird Ringsgwandl über Georg Schreiner schreiben.

Dieser Vorstadtrocker verliert alles: die Finanzierung durch seine Großmutter und die Liebe eines Sexmonsters, einer ehemaligen Bedienung, 25 Jahre zu jung für den Rock ’n’ Roll. Sie kann kaum glauben, daß sie ihre Stellung im "Raben" aufgegeben hat "für so einen Abdruckten". Schließlich hätte sie in die großstädtische Musikerszene einheiraten wollen. "Und deshalb hat sie den Schreiner, Georgie, weggschmissen", sagt Ringsgwandl.

Am Ende treffen sich alle im feuchten Keller vom "grausigen Karl", einem fetten Fünfziger mit dicker Brille, der in Trudering in einem Reihenhaus ein "verhautes" Zeichenbüro betreibt. Die anderen liegen schon unten – da wird der Doppelgänger vom Georgie Schreiner die Kellertreppe hinuntergestoßen.

Schon immer hat Ringsgwandl der Vorstadt Lieder gewidmet. Einer seiner Hits von früher heißt: "Die Mopedrocker von Neuperlach". So eine Vorstadtballade hat er jetzt zum Singspiel vergrößert. Schon immer gehörte den Abgestürzten, nicht den Arztkollegen, sein Interesse. In der untergegangenen Welt des Rock ’n’ Roll hat er das Staffabruck der Großstadt gefunden: das Ende einer Pionierzeit.

Der Kleinhäusler-Blues

Gleichzeitig mit Ringsgwandls neuer CD kam Matthias Horx’ "Trendbuch" auf den Markt: ein neuer Führer durch die Unübersichtlichkeit der Postmoderne. Auf den Partys der Reichen würde jetzt, ganz im Stil der Rezessionskultur, statt Kaviar Kartoffelsalat serviert. Der Symbolwert der Mercedes-S-Klasse sei nicht mehr zu vermitteln. Und irgendwelche verhunzten Spät-Yuppies könnten sich ihr In-Group-Gefühl nicht mehr am Pinot-Grigio-Label hochziehn.

Ringsgwandl hat in einer seiner unvergleichlichen Conferencen in der Münchner Muffathalle die alte Welt der Vollbeschäftigung und die neue Zeit der Rezession ein für allemal so zusammengefaßt: "Du fackst mi, i fack di." Ein – Mann wie ein Leuchtturm, Geheimtip der Verirrten.