Ein Buch "wie ein alter Baedeker Führer: rechthaberisch und überholt, aber zugleich sehr ausführlich und tief seriös" - so schrieb ein amerikanischer Historiker über das Werk des Philosophieprofessors und ersten Präsidenten der Tschechoslowakei Thomas G. Masaryk. Seine umfassende "Russische Geistes- und Religionsgeschichte" hatte Masaryk 1913 in Jena auf deutsch veröffentlicht; in einem Nachdruck ist sie heute wieder zu lesen.

Masaryk kannte Rußland von mehreren Reisen, auf denen er mit Philosophen und Schriftstellern zusammengetroffen war. In einem russischen Kloster begriff er, was ihn fortan nicht mehr loslassen sollte: "Rußland ist der russische Mönch An dessen Figur zeigt Masaryk, wie Rußland die "Kindheit Europas bewahrt" habe: das byzantinisch christliche Mittelalter. Rußland sei Europa nicht fremd, aber gehöre auch nicht ganz zu ihm. Diesen Gegensatz will Masaryk erklären. Die russische Orthodoxie, der Mystizismus und die Theokratie hätten das russische Denken im Zarenreich geprägt. In Dostojewskij erkennt der liberale Mitteleuropäer das Wesen dieser Tradition; auf die "Religionsphilosophie" des russischen Schriftstellers kommt er immer wieder zu sprechen. Er verheimlicht nicht, daß er Dostojewskijs Weltanschauung ablehnt - das macht die Färbung des Buches aus.

Einige Forscher haben sich daran gestoßen. Der Osteuropahistoriker Karl Schlögel greift in der Einleitung zur Neuauflage die Argumente der Kritiker auf. Masaryk habe sich willkürlich auf die philosophische Belletristik beschränkt und die wissenschaftliche Philosophie Rußlands einfach nicht zur Kenntnis genommen. Trotz des engen Blickwinkels ist Masaryks Werk bis heute die breiteste Darstellung der russischen Geistesgeschichte geblieben. Seine bevorzugte Beschreibung Dostojewskijs begründet er so: Als "Dichterdenker" sei dieser in Rußland mehr gehört worden als jeder Wissenschaftler, und eben darin komme der "Mythus" im russischen Denken zum Vorschein. Viele Russen seien der "Glaubenssucht" erlegen gewesen und hätten mit der erkenntnistheoretischen Kritik eines Immanuel Kant wenig anfangen können. Wenn die Russen ihren "Kinderglauben" aufgäben, wollten sie ihn durch einen anderen Glauben ersetzen.

Hier sah Masaryk eine Wurzel der tiefen Krise Rußlands am Vorabend des Ersten Weltkriegs. In der Berührung mit der europäischen Zivilisation sei die theokratische Autorität von Kirche und Staat zermahlen, der Glaube zerstört worden. Das grenzenlose Vertrauen der Menschen sei in leidenschaftliche Feindschaft zum alten Regime umgeschlagen - Masaryk sagte bereits 1913 eine Revolution voraus. Vier Jahre später trat seine Prophezeiung ein. Michael Thumann Eichborn Verlag, FrankfurtM. 1993; 2 Bände; 932 S , 128- DM