Von Jürgen Krönig Belfast

Nein, er trage keinen Haß im Herzen, sagt Raymond Smallwoods: "Aber wenn ich die irische Flagge sehe, packt mich die kalte Wut, dann denke ich an den Genozid, den die IRA betreibt." Smallwoods, Mitte Dreißig, ist Vorsitzender der kleinen protestantischen Partei Ulster Democratic Party. Im Hauptquartier der UDP, einem schmucklosen Raum, zieren nur zwei Bilder von martialisch ausschauenden Paramilitärs die Wände. Daneben hängt ein Plakat, auf dem eine rote Hand abgebildet ist – Symbol des protestantischen Widerstandes gegen die auf Ausgleich bedachte Nordirland-Politik der Regierung in London.

Das Parteibüro befindet sich im ersten Geschoß eines ärmlichen Reihenhauses in Lisburn, einer kleinen, überwiegend protestantischen Industriestadt nördlich von Belfast. Ihre guten Zeiten liegen lange zurück. Die meisten Textilfabriken wurden abgerissen. In den Arbeitervierteln, in denen vierzig bis fünfzig Prozent der Bewohner einen Job suchen, greifen Entfremdung und Radikalisierung um sich. Selbst die Union Nordirlands mit Großbritannien, für die beiden großen protestantischen Parteien nach wie vor Fundament ihrer Politik, wird hier immer lauter in Frage gestellt.

Von der britischen Regierung erwartet Raymond Smallwoods nichts mehr. "Die Tories haben uns die Union so lange vorgegaukelt, wie sie uns brauchen konnten. Jetzt sind sie drauf und dran, uns zu verraten", kommentiert er die bevorstehenden anglo-irischen Gipfelgespräche in Dublin. Nach der IRA-Bombe in der Belfaster Shankill Road hatte John Major verkündet, ihm drehe sich "der Magen um bei dem Gedanken an Gespräche mit Sinn Fein". Wenig später bot der Premier den katholischen Nationalisten einen Platz am Verhandlungstisch an.

Die Protestanten haben ohnehin niemals daran gezweifelt, daß London mit der IRA Gespräche geführt hat. Die geheimen Sondierungen wurden jetzt zum öffentlichen Fiasko, weil es der Major-Regierung an politischer Raffinesse mangelt. Sie dementierte die Kontakte mit der IRA auch dann noch kategorisch, als längst klar war, daß sie log. Unfreiwillig spielte London damit den protestantischen Scharfmachern in die Hände, die die Angst vor einem Ausverkauf schüren. Ohne die Zustimmung der protestantischen Mehrheit aber wird es in Ulster keinen Frieden geben.

Die Enthüllungen leiten Wasser auf die Mühlen Smallwoods’. Seine Partei versteht sich als politischer Arm der protestantischen Paras, die unter dem Namen "Ulster Freedeom Fighters" (UFF) operieren und auf deren Konto die jüngsten Massaker in einer Gaststätte in der Nähe von Londonderry und in einem Belfaster Straßenreinigungsdepot gehen. Distanzieren will sich Smallwoods nicht von diesen Attentaten mit Maschinenpistolen. Den Wagen zum Treffen mit einem "führenden Mitglied" der Paramilitärs steuert Gary B., ein wortkarger Taxifahrer Ende Zwanzig mit kurzgeschorenem blonden Haar und einem kleinen goldenen Ring im Ohrläppchen.

Vor sechs Monaten ist er aus dem Gefängnis entlassen worden, nach acht Jahren Haft wegen bewaffneten Raubüberfalls. Mit der halben Million Pfund, die er und sein Kumpan erbeutet hatten, seien Waffen für die UFF gekauft worden. Die Fahrt geht durch die Straßen eines protestantischen Viertels. Ein Haus gleicht dem anderen – roter Backstein, geduckt, heruntergekommen. Selbst im schwachen Licht der Straßenlaternen sind die frischen Farben der Wandmalereien zu erkennen – sie heroisieren an den Endseiten der Häuserreihen die protestantischen Kämpfer der Ulster Freedom Fighters.