Der Vertoner – Seite 1

Von Konrad Heidkamp

Ein Wagen fährt durch den Regen. Paul Newmans jungenhaftes Lachen verschwimmt hinter den Tropfen auf der Windschutzscheibe. "Cool Hand Luke" – "Der Unbeugsame" – ist am Ende, ein Entwurzelter des Koreakrieges in den USA der sechziger Jahre. Und langsam schiebt sich unter die Bilder des Filmes eine bittersüße Gitarrenmelodie – Bluegrassmusik, die fröhliche Banjomusik Amerikas – in halbierter Geschwindigkeit. Die Vision der unbegrenzten Möglichkeiten verbindet sich mit der Trauer über die Wirklichkeit.

Der Mann, der diese genial einfache, funktionale und wirkungsvolle Filmmusik schrieb, dirigiert seine Worte mit den Händen. Er könnte Modeschöpfer, Galerist oder Buchverleger sein, alles atmet Stil, Höflichkeit – und Kunst. Lalo Schifrin spricht über Bach ebenso belesen wie über Kagel, bewundert den Free Jazz Pianisten Cecil Taylor ebenso wie Verdi, arbeitet mit Pavarotti ebensogern wie ehemals mit dem Jazztrompeter Dizzy Gillespie. Er komponiert Symphonien, schrieb die Musik für über hundert Filme und Fernsehserien, dirigiert, arrangiert und improvisiert am Flügel mit dem London Philharmonie Orchestra. Ein Renaissancemensch, ein Allroundtalent oder ein Künstler ohne Grundsätze?

Boris Lalo Schifrin ist kein Mann für den deutschen Geschmack, der nach Eindeutigkeit verlangt, nach Etiketten, nach Entweder-Oder. Klassik ist ernsthaft, Jazz anspruchsvoll, Unterhaltungsmusik seicht, und Filmmusik, ja Filmmusik reduziert sich auf die Erkennungsmelodie von "Tatort". Kein Wunder, daß Lalo Schifrin im Italien Nino Rotas und Ennio Morricones, im Frankreich Michel Legrands und Martial Solals bekannter ist als hierzulande, wo keiner auch nur einen deutschen Filmkomponisten nennen kann. "Für mich gibt es keine Kategorien", versichert er, "man muß etwas aussagen, woran man glaubt, und es muß professionell sein." "In a professional way" – in immer neuen Variationen taucht diese Formel auf. Perfekt, dezent, ein bißchen konservativ wie sein Anzug. Aber immer wieder durchbrochen von einer wachen Neugier, Lebhaftigkeit und Gestik, wenn es um die Sache – um Musik – geht. "Es muß gut gemacht sein. Daran glaube ich."

Ein Hauch von Hollywood umgibt ihn. Er weiß, was man von ihm erwartet, und er macht das Beste daraus. Wie in seiner Musik zu "Cincinnati Kid", zu "Dirty Harry", zu "Cool Hand Luke", zu "Bullit"; wie später zu Fernsehserien wie "Mannix", "Starsky und Hutch" oder "Mission Impossible" ("Cobra, übernehmen Sie"), für die er zwei seiner vier Grammys erhielt. "Musik für den Film zu komponieren ist wie Briefe schreiben. Für das Fernsehen – ein Telegramm. Wenn das Fernsehgerät im Wohnzimmer läuft und man ist gerade in der Küche, dann muß die Musik wie ein Signal sein, schnell, eingängig – ahhh, mission impossible!"

Ah, Lalo Schifrin, es sind diese Melodien, die jeder kennt, die wie ein akustisches Photoalbum wirken, die aber kaum einer mit einem Namen verbindet. "Film ist die Oper unserer Zeit. Wagner und Verdi wären heute in Hollywood sehr erfolgreich. Zum Beispiel ‚Star Wars‘ und der ‚Ring‘ – sie sind im Grundkonzept sehr ähnlich. Was Verdi im ‚Othello‘ macht, ist Filmmusik – vergessen Sie mal die Stimmen –, wie er die Handlung untermalt, das ist erstklassige Filmmusik."

Lalo Schifrin hat sie gründlich studiert, ein Cineast, der sich in der Cinemathek von Buenos Aires ein dutzendmal Eisensteins "Alexander Newski" mit der Musik von Prokowjew ansah, der im Opernhaus ebenso zu Hause war wie in Konzerten von Furtwängler und Toscanini.

Der Vertoner – Seite 2

In Buenos Aires wurde Lalo Schifrin am 21. Juni 1932 geboren, in jenem kosmopolitischen Buenos Aires, das eher nach Nordamerika und Europa blickte als ins eigene Land, das an Genua, Paris oder Lissabon erinnert, dessen wichtigstes Literaten- und Musikcafé den Namen "Edelweiß" trug. Lalo Schifrin mußte sich nichts erkämpfen, er wurde hineingeboren: in jene großbürgerliche Familie, deren Oberhaupt Konzertmeister des Philharmonischen Orchesters war. Er wurde von Juan Carlos Paz und Enrique Barenboim unterrichtet, man schickte ihn nach Paris, bezahlte ihm ein Appartement, um bei Olivier Messiaen zu studieren.

"Die Loslösung von meinem Vater fing eigentlich mit Webern, Berg und Schönberg an. Er war sehr konservativ. Bei ihm endete die Musik mit Sibelius." Lalo Schifrin entfernt sich immer mehr von Das-ist-keine-Musik-Luis-Schifrin, hört zum ersten Mal Jazz, ist "totally obsessed" von Charlie Parker, Thelonious Monk, Dizzy Gillespie und hat den dritten Punkt seines Dreiecks gefunden, innerhalb dessen er sich von nun an bewegen wird: Klassik – Film – Jazz. Jahrelang führt er ein Doppelleben, spielt bis tief in die Nacht im Club St. Germain in Paris. Er begleitet Chet Baker, Bobby Jaspar, Sascha Distel und steht frühmorgens auf, um in der Kirche Messiaen an der Orgel improvisieren zu hören.

Als er 1956 nach Buenos Aires zurückkehrt, gründet er eine Band mit dem argentinischen Saxophonisten Gato Barbieri, trifft sein Idol Dizzy Gillespie, folgt ihm als 24jähriger in die Staaten, arrangiert Stücke für dessen Big Band und sitzt fünf Jahre am Piano des Dizzy-Gillespie-Quintetts. Doch die Jazzecke reicht ihm nicht aus, er lotet das Dreieck aus und stößt auf wenig Gegenliebe: "Die Jazzorchester waren nicht an einer Verbindung von klassischer Musik und Jazz interessiert und die Symphoniemusiker ebensowenig." Und Lalo Schifrin findet die Lösung in Hollywood.

Lalo Schifrin lehnt sich zurück, er hat es geschafft, mit einem Haus in Berverly Hills und einem abgeschiedenen Anwesen in den Bergen. Nein, ein Revolutionär sei er nicht.

Nur ein kurzes Hochziehen der Augenbrauen verrät die Verblüffung über kritische Fragen, und mit der Toleranz, die der Erfolg möglich macht, gesteht er anderen ihren avantgardistischen Weg zu: "Aber, was nützt es, wenn man vor 300 Leuten spielt? Es ist Musik, deren Energie vom Gehirn zu den Augen fließt und dann wieder ins Gehirn. Aber nie in den Körper."

Vor 17 000 Zuhörern führt er 1986 seinen "Salute To The Statue Of Liberty" auf; in Teotihuacän zwischen den Pyramiden hat 1989 sein "Songs Of The Aztecs" mit Placido Domingo Weltpremiere; für die Fußballweltmeisterschaft 1990 in Italien arrangiert er das große Finale in Caracalla, bei dem Pavarotti, Domingo und Carreras zum erstenmal zusammen auftreten, er komponiert Opern, Symphonien – eine vollständige Liste wäre endlos. In diesem Sommer hat Lalo Schifrin sein jüngstes Projekt vollendet: "Jazz Meets The Symphony" – Jazzstandards im Trio mit Ray Brown und Grady Tate, begleitet vom London Philharmonie Orchestra.

"Ich liebe die Nähe zum Publikum", sagt er darüber. Er interpretiert und arrangiert alles, was Rang und Klang aufzuweisen hat: ein Duke Ellington-Potpourri – ein Brasilien-Medley, "As Time Goes By" ebenso wie "Bach To The Blues" ("Ich hoffe, Bach ist mir nicht böse"). Ein solider Pianist, intelligente Arrangements, Musik wie ein exquisites Dinner in gepflegter Atmosphäre. Vielleicht von der Qualität, die auf dem langen Weg vom Salon des 19. Jahrhunderts bis zum Fernsehwohnzimmer unserer Tage verlorengegangen ist. Musik von höchster Perfektion und Eleganz, der nur eines fehlt: das Gefühl Lalo Schifrins aus jener Zeit, als er totally obsessed war – von Schönberg, Parker und Messiaen.

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Lalo Schifrin erzählt gerne Geschichten, und meistens treffen sie den Kern: Es war einmal ein berühmter brasilianischer Komponist, den MGM bat, die Musik für einen Film zu komponieren. Man schickte ihm das Skript nach Brasilien, und nach einem dreiviertel Jahr, als die Dreharbeiten beendet waren, lud man ihn ein, nach Hollywood zu kommen, um sich den Rohschnitt anzusehen. Am Flugplatz erwartete ihn die Führungsspitze von MGM, der Komponist schritt die Gangway hinunter, unter den Arm ein dickes Buch geklemmt, das er niemandem anvertrauen wollte. Es war die Vertonung des gesamten Skripts, eine Symphonie, länger als der Film.

Lalo Schifrin lächelt. Der Fehler wäre ihm nie unterlaufen.