In Buenos Aires wurde Lalo Schifrin am 21. Juni 1932 geboren, in jenem kosmopolitischen Buenos Aires, das eher nach Nordamerika und Europa blickte als ins eigene Land, das an Genua, Paris oder Lissabon erinnert, dessen wichtigstes Literaten- und Musikcafé den Namen "Edelweiß" trug. Lalo Schifrin mußte sich nichts erkämpfen, er wurde hineingeboren: in jene großbürgerliche Familie, deren Oberhaupt Konzertmeister des Philharmonischen Orchesters war. Er wurde von Juan Carlos Paz und Enrique Barenboim unterrichtet, man schickte ihn nach Paris, bezahlte ihm ein Appartement, um bei Olivier Messiaen zu studieren.

"Die Loslösung von meinem Vater fing eigentlich mit Webern, Berg und Schönberg an. Er war sehr konservativ. Bei ihm endete die Musik mit Sibelius." Lalo Schifrin entfernt sich immer mehr von Das-ist-keine-Musik-Luis-Schifrin, hört zum ersten Mal Jazz, ist "totally obsessed" von Charlie Parker, Thelonious Monk, Dizzy Gillespie und hat den dritten Punkt seines Dreiecks gefunden, innerhalb dessen er sich von nun an bewegen wird: Klassik – Film – Jazz. Jahrelang führt er ein Doppelleben, spielt bis tief in die Nacht im Club St. Germain in Paris. Er begleitet Chet Baker, Bobby Jaspar, Sascha Distel und steht frühmorgens auf, um in der Kirche Messiaen an der Orgel improvisieren zu hören.

Als er 1956 nach Buenos Aires zurückkehrt, gründet er eine Band mit dem argentinischen Saxophonisten Gato Barbieri, trifft sein Idol Dizzy Gillespie, folgt ihm als 24jähriger in die Staaten, arrangiert Stücke für dessen Big Band und sitzt fünf Jahre am Piano des Dizzy-Gillespie-Quintetts. Doch die Jazzecke reicht ihm nicht aus, er lotet das Dreieck aus und stößt auf wenig Gegenliebe: "Die Jazzorchester waren nicht an einer Verbindung von klassischer Musik und Jazz interessiert und die Symphoniemusiker ebensowenig." Und Lalo Schifrin findet die Lösung in Hollywood.

Lalo Schifrin lehnt sich zurück, er hat es geschafft, mit einem Haus in Berverly Hills und einem abgeschiedenen Anwesen in den Bergen. Nein, ein Revolutionär sei er nicht.

Nur ein kurzes Hochziehen der Augenbrauen verrät die Verblüffung über kritische Fragen, und mit der Toleranz, die der Erfolg möglich macht, gesteht er anderen ihren avantgardistischen Weg zu: "Aber, was nützt es, wenn man vor 300 Leuten spielt? Es ist Musik, deren Energie vom Gehirn zu den Augen fließt und dann wieder ins Gehirn. Aber nie in den Körper."

Vor 17 000 Zuhörern führt er 1986 seinen "Salute To The Statue Of Liberty" auf; in Teotihuacän zwischen den Pyramiden hat 1989 sein "Songs Of The Aztecs" mit Placido Domingo Weltpremiere; für die Fußballweltmeisterschaft 1990 in Italien arrangiert er das große Finale in Caracalla, bei dem Pavarotti, Domingo und Carreras zum erstenmal zusammen auftreten, er komponiert Opern, Symphonien – eine vollständige Liste wäre endlos. In diesem Sommer hat Lalo Schifrin sein jüngstes Projekt vollendet: "Jazz Meets The Symphony" – Jazzstandards im Trio mit Ray Brown und Grady Tate, begleitet vom London Philharmonie Orchestra.

"Ich liebe die Nähe zum Publikum", sagt er darüber. Er interpretiert und arrangiert alles, was Rang und Klang aufzuweisen hat: ein Duke Ellington-Potpourri – ein Brasilien-Medley, "As Time Goes By" ebenso wie "Bach To The Blues" ("Ich hoffe, Bach ist mir nicht böse"). Ein solider Pianist, intelligente Arrangements, Musik wie ein exquisites Dinner in gepflegter Atmosphäre. Vielleicht von der Qualität, die auf dem langen Weg vom Salon des 19. Jahrhunderts bis zum Fernsehwohnzimmer unserer Tage verlorengegangen ist. Musik von höchster Perfektion und Eleganz, der nur eines fehlt: das Gefühl Lalo Schifrins aus jener Zeit, als er totally obsessed war – von Schönberg, Parker und Messiaen.