Von Sibylle Cramer

Er sitzt tagelang in der Transsibirischen Eisenbahn. Er durchquert die Wüste Gobi, kommt nach Peking, schlendert durch die Verbotene Stadt, besucht die Oper, reist weiter nach Kanton, Guangzhou und beendet seine Reise in Urga, dem alten Ulan-Bator. Doch die Tatsachen sagen nicht die Wahrheit. Die Wahrheit erzählt der Roman.

Dem Erzähler zerfällt seine Sprache in "rauchende Trümmer", wenn er sich den Schwellen nähert, die er hinter sich ließ: die Finsternisse, als er Chinese wurde, dann das Glück des Verstandes in der Leere einer Welt ohne Grenzen. Seine eigene Sprache versperrt sich dem sinnlichen und geistig spirituellen Erlebnis der anderen Zeit- und Raumordnung. Mitteilbar sind allenfalls die Orientierungsnöte. Die Krise. Ein Erstickungsanfall. Die perforierte Lunge reißt. Kein Krankenhaus weit und breit. Am Ende der Wahnsinn, als er die Menschen vergißt, die er liebt.

Der Reisende, der wie sein Erzähler und Autor László Krasznahorkai heißt, entkommt, denn er reist in der Obhut Dantes. Von Dante stammt das Motto des Romans, das Bild der Reise als Metapher für die Zweifel am alten Weltbild und ihre Überwindung im Schöpfungsakt der Kunst. Von Dante stammen die Motive der Verirrung und Verwirrung, der Krankheit und des Heilschlafes, der Zeitausdehnung und Zeitraffung, auch die Zahlenstrukturen des mit Uhren, Stadtplänen, Landkarten kämpfenden Irrfahrers und das dramaturgische Prinzip der Steigerung. Das Drama vollzieht sich in einer Flucht von Labyrinthen, deren jedes ein Durchgangsstadium zu höheren Stufen der Initiation ist.

Wenn der Heimkehrende in der Wartehalle des Flugplatzes von Urga das Datum registriert, den 21. Oktober 1990, und von hier aus den Blick nach vorn auf die bevorstehende Jahrhundertwende richtet, dann hat sich zwischen die einfache Bedeutung der Begriffe Reise und Heimkehr eine Geschichte geschoben, die wie ein poetisches Kraftwerk funktioniert: Sie verwandelt die Worte in Sinn. (Der Blick auf die Uhr und der Gedankenflug in die Zukunft Verschmelzen zum Bild einer Kunst, die sich aus ihrer zeitlichen Existenz befreit und im Kunstwerk ihren Sieg über die Geschichte feiert.)

Die Szene ist alt. Der Dädalusmythos erzählt sie. Dante hat sie historisiert und mit Vergil besetzt, seinem "Weggesellen, der rücklings trägt sein Licht". Die Dichtung als Seherin der Zukunft und das Licht in ihrem Rücken, das in die Vergangenheit zurückleuchtet und der Gegenwart den Weg weist, diese Verse Dantes vertont Thomas Manns Adrian Leverkühn in seiner "Apocalipsis". Der Ungar László Krasznahorkai spricht, jedenfalls in der deutschen Übersetzung, schwülstig von seiner "Vorherbestimmung" und reiht sich als Erzähler der nachkommunistischen Zeit Osteuropas selbstbewußt ein in eine Tradition der Geschichtserzählung, wie sie in Krisenzeiten die Führungsrolle übernimmt. (Genau wie Vergil auf der Wende von Antike zu christlich abendländischer Geschichte, wie Dante, der die scholastischen Bindungen des Mittelalters zerbricht, wie Thomas Mann als letzter Bürger.) Krisenzeiten öffnen die Aussicht auf das Nicht-Eingelöste, das Unerlöste der Geschichte. Krisenzeit ist tragische Zeit. Der Terzinengesang Dantes, Thomas Manns "Schicksalsergriffenheit" sind Formen des Erhabenen Stils. Krasznahorkai und sein Übersetzer Hans Skirecki ersetzen die Rhetorik des Tragischen durch die Sprachkrise.

Die Niederlagen des Erzählers markieren die Krisenpunkte der Reise. Reflexionen über den nicht erneuerbaren Erhabenen Stil und die Fessel sprachlicher Sukzession gehören dazu, auch die stotternde Kommentierung einer äußerlich ereignislosen Szene auf dem nächtlichen Balkon hoch über Peking. Der Erzähler bezeichnet sie als "danteske Wende" seiner Höllenfahrt.