Die Auserwählte steht plötzlich im Raum, nimmt Platz am Nebentisch, reißt die drei Plaudernden, Hungrigen, aus ihrem Mensa Einerlei, ißt und verschwindet wieder, ohne Notiz genommen zu haben. Eine ganz ungewöhnliche Frau, natürlich; zierlich, großartig, perfekt, und: mit Olivenaugen. Bestimmt vom Film, tippen alle.

Anderntags sitzt sie wieder da, hat prompt nen Kerl dabei. Einen Kniich, wie er schlimmer nicht sein könnte, kahlköpfig, durchschnittlich, doof ohne alle Manieren. Die Geschichte kann beginnen, die Unmöglichkeit einer eingebildeten Liebe. Inbrünstig malt der böhmische Schriftsteller Ivan Klima die Augenblicke der Liebe aus. Die Phantasien und verpaßten Gelegenheiten; die bangen Ewigkeiten und die wachsende Sehnsucht; den Augenblick endlich, als sie allein ist, sein hilfloses Plappern und ihre eisige Erwiderung, seine Hartnäckigkeit und ihr stummes Locken, seine Eroberung schließlich und ihre Unnahbarkeit, trotz alledem. Ein Tag, eine Nacht, aber nicht solch eine Nacht, das Erwachen des Morgens, die Erfüllung für Sekunden, ihr Abschied. Liebe und Tod. Ivan Klimas Thema, einfach und leicht und rätselhaft erzählt, schnelle, kleine, rasende fünfunddreißig Seiten lang, die längste der Kurzgeschichten.

Nach seiner erfolgreichen "Wiederentdeckung" mit dem Roman "Liebe und Müll" vor zwei Jahren hat der Verlag nun einen Erzählungsband folgen lassen. Acht Geschichten, eingeteilt in "Liebende für eine Nacht" im ersten Teil und "Liebende für einen Tag" im zweiten.

1971 war unter diesem Titel schon einmal ein Band verlegt worden, nicht ganz so umfangreich wie der jetzige. Damals ein Achtungserfolg, nicht mehr; wohlwollend zur Kenntnis genommen. Das Buch blieb liegen. Man wußte nicht recht, wozu man den Autor zu zählen habe, nach 68. War das Widerstandsliteratur? Nicht eindeutig genug. Der Stacheldraht zwischen Ost und West verstellte den Blick auch im Westen. Ein Dissident? Heimkehrer, doch wohl. Das verwirrte in jenen Zeiten. Und er lebte doch, seit seiner Rückkehr in die Heimat, 1970, in der Ächtung, hatte Publikationsverbot bis 1989, ging weiter seinen Weg, schrieb, um nicht zu ersticken. Die Zeitenwende hat ihm nun endlich die öffentliche Anerkennung gebracht, auch bei uns.

Klimas Geschichten sind nicht zeitgebunden, der politische Alltag bleibt, zumeist, im Hintergrund. In zwei Erzählungen bekommt der Leser plastisch die Stimmung im Land der Panzer und Stacheldrahtrollen mit, die alltägliche Bedrohung. "Himmel, Hölle, Paradies", heißt die eine, autobiographisch gefärbte.

Ein Dissident kehrt zurück - wegen ihr, einer verheirateten Frau. In einem Hotelzimmer kommen sie zusammen. Ein Raum wie eine Zelle, mit einem Fenster, das sich nicht öffnen läßt. Die Liebe bleibt für diesen einen Augenblick, in dieser einen Zelle, fern der Welt, fern der Zeit. Das Vergessen für einen Moment. Und die beklemmende Wiederkehr der Gegenwart, die Bedrohung. Panzerketten in der Ferne und unsichtbare, vielleicht eingebildete Figuren auf der Straße, im Flur, im Nebel der bleiernen Zeit. Die Angst über allem, im Land und in der Liebe. Und dann: "Es blieb nur die letzte Gewißheit, daß sie wegging wie alle, wie alles, diese einzige Gewißheit, die eisige, trostlose Gewißheit, daß alles verging, auch dieser Moment würde vergehen, diese Bangigkeit "

Ohne das Stadtleben sind viele der Geschichten nicht denkbar. Irgendeine Stadt? Seine Stadt. Ivan Klima ist 1931 in Prag geboren, lebt heute wieder dort. Die Türme, die Dächer, der Fluß; Geräusche, Gerüche, die quietschende Straßenbahn damit muß einer groß geworden sein, um es immer wieder, wie nebenher, einfließen zu lassen. Alles wirkt öde und grau und kärglich. Eine blecherne, tönerne Welt, in der Lebensflucht das oberste Gesetz ist. Menschen bleiben beisammen, bloß weil sie die Einsamkeit nicht ertragen können. Ein matter Schleier liegt über all den Erzählungen, Melancholie, ja, und die Gewißheit, daß die Sehnsucht immer stärker ist, stärker sein wird, als die Gegenwart, der Alltag, die Gewöhnung. Ein Miteinander, eine Gemeinsamkeit ist kaum möglich, das Trennende ist stärker. Aber die Sehnsüchte bleiben. Und nur der Augenblick zählt.