Wenn ein romantischer Schriftsteller einer ist, der seine unwiderruflich versunkene Kinderwelt schreibend wiederherzustellen versucht, dann ist Vladimir Nabokov der Inbegriff eines romantischen Schriftstellers. Eichendorffs Schloß war von der Französischen Revolution verschlungen worden und leuchtete dann in seinen Gedichten um so heller; das Schloß Nabokovs, das ein luxuriöses Stadthaus in St. Petersburg war, ging in der Russischen Revolution verloren. Und strahlt seither aus den Büchern Nabokovs. Seine großen Romane sind alle Teile einer herkulischen Anstrengung, das Verlorene in der Fiktion nochmals zum Leben zu erwecken. 1919, beinah zu spät, floh er endgültig aus Rußland (sein Schiff hieß Hope), und von nun an war die Trennung sein Lebensthema. Das schmerzvibrierendste Zeugnis der Versuche Nobokovs, die unheilbare Wunde zu heilen, wurde dann, viele Jahre später, die "Lolita", die ein Bestseller wurde, weil sie, ohne sich um das Tabu zu scheren, von der Leidenschaft eines älter werdenden Mannes für eine kindjunge Frau sprach, und die darüber hinaus so ungemein anrührend bleibt, weil sie kunstvoll genau die Wunden beschreibt, die eine endgültige Trennung schlägt. Ja, in den amerikanischen Romanen ("Lolita", "Pnin", "Fahles Feuer", "Ada") erblüht Nabokovs Lebensthema erst richtig, wird immer reicher orchestriert und in "Ada oder Das Verlangen" endlich zu so etwas wie einer Versöhnung mit dem Jammer der Trennung. Nabokov war nun siebzig, seine Helden waren Methusalems jenseits von Gut und Böse geworden, und der Schmerz hatte sich in ein trauergetränktes Glück verwandelt. Das verlorene Rußland, das noch immer nicht so genannt wird, strahlt in einem Glanz der Erinnerung, als sei es eine verflossene Geliebte.

Bis heute, bis zur Lektüre von "Die Gabe", habe ich gedacht, erst das amerikanische Exil, erst der freiwillige Sprachwechsel habe Nabokov zu jenem schier grenzenlos reichen Dichter gemacht, der sämtliche Akkorde des Glücks aus dem Grundthema des Verlusts aufklingen zu lassen vermag - und nun geschieht dieses späte Wunder, die Übersetzung von "Die Gabe", dem letzten russisch geschriebenen Roman Nabokovs. Aus irgendeinem Grund hat der Rowohlt Verlag sie uns über Jahre hin immer nur versprochen, aber nie geliefert, und aus irgendeinem anderen Grund habe ich die englische Ausgabe, die es immerhin seit 1962 gibt, nie zur Kenntnis genommen. Und so merke ich erst jetzt, daß in der "Gabe" (anders als in den ändern "russischen" Romanen, die mir vergleichsweise eng, gehemmt, ja paranoid vorkommen) alle "amerikanischen" Tugenden Nabokovs schon da sind, sein Lebensthema an erster Stelle, seine wunderbaren Details, die einen aufs schönste zum Langsamlesen und Innehalten zwingen, seine Versteckspiele zum Vergnügen intelligenter Leser, seine Neigung, ein Buch im Buch zu schreiben (was er später, in "Pale Fire", zur Perfektion treiben wird), seine Kränkungs Obsessionen, sein virtuoses Vergnügen, Wirkliches mit Erfundenem zu vermischen, sein Sprachwitz ("Blind wie Milton, taub wie Beethoven und dumm wie Beton") und die Vorausnahme von Themen späterer Bücher.

So wird etwa (zwanzig Jahre früher!) die Lolita Geschichte als Romanprojekt erzählt, und zwar von einem schwadronierenden Deppen: "Ach, wenn ich nur mal ein Stündchen Zeit hätte", schreit er dem Helden, einem wirklichen Dichter ins Ohr, "was für einen Roman würde ich da hinlegen! Mitten aus dem wirklichen Leben. Stellen Sie sich vor: Ein alter Knabe - aber noch voll im Saft, feurig, und lechzt nach Glück lernt eine Witwe kennen, und die hat eine Tochter, noch ganz und gar Mädchen - Sie wissen, was ich meine , noch keine Kurven, aber die hat bereits eine Art zu gehen, die einen zum Wahnsinn treibt. Ein schmales kleines Ding, sehr zart, blaß, bläulich unter den Augen - und natürlich schenkt die dem alten Bock keinen Blick. Was tun? Also, er besinnt sich nicht lange, heiratet kurz entschlossen die Witwe. Schön. Sie richten sich zu dritt ein. Hier kann man endlos weitermachen - die Versuchung, die ewige Qual, das Jukken, die wahnwitzigen Hoffnungen. Und das Ergebnis: eine Fehlkalkulation. Die Zeit verfliegt, er wird älter, sie erblüht - und nichts. Geht einfach vorbei und versengt einen mit dem Blick der Verachtung. Na? Spüren Sie hier nicht eine dostojewskijsche Tragödie?"

Man kann hier einiges über die Inkubationszeit von Büchern lernen. Jedenfalls ist das Nabokov at Trottel vortragen läßt und als Gewährsmann einen wählt, den er nicht leiden mag: Dostojevskij. Die verflossenen sechzehn Jahre im ungeliebten Deutschland hatten ihm genügt, den Schmerz der Trennung so weit zu verarbeiten, daß er jener autobiographische Steinbruch wurde, aus dem er in der Folge immer neue, immer funkelndere Mosaike der Fiktion zu konstruieren wußte.

Also handelt "Die Gabe" vom Elend der Vertreibung aus dem Paradies - und beschreibt, zum ersten Mal so explizit in Nabokovs Werk, auch die Gewichtssteine in der anderen Waagschale der poetischen Schöpfung: die Erkenntnis nämlich, daß er die Fähigkeit hat, dem Verlustschmerz Gestalt zu geben. Daß er schreiben kann, und wie!, und daß der Schmerz, wenn er gefaßt und strukturiert ist, aushaltbar wird. Beinah schön. Die immer gewisser werdende Beglückung, tatsächlich ein Schriftsteller zu sein, verleiht dem Helden des Buchs Flügel, und dem Buch selber auch, so daß es, hätte sein Titel nicht eine zweite, genau so wichtige Konnotation, eigentlich "Die Begabung" heißen müßte. Die Entdeckung der eigenen Begabung (und dies nach dem achten Buch!) wird zum Thema, das dem des Verlusts mit gleicher Kraft entgegentritt. Von nun an wird Nabokov sein Exil endgültig als eine Chance begreifen, allem Schmerz zum Trotz. Nie mehr wird er mit den neuen Machthabern in der Sowjetunion herumrechten. Er ist mit dieser kraftvollen, auf die Zukunft gerichteten Haltung so ziemlich der einzige einer riesigen Kultur geblieben, die fast spurlos verschwunden ist, weil sie in der rückschauenden Klage ums Verlorene verharrte.

Ein paar hunderttausend Russen im Exil und kaum eine Erinnerung an sie, heute! Fast nur dieser eine, seltsame Nabokov, den sie keineswegs liebten. Er blickte dem zähnefletschenden Schicksal nun stolz, um nicht zu sagen arrogant ins Gesicht. Er war ihm beinah ein bißchen dankbar. Er war im Exil reicher geworden und wußte das. Wäre er zu Hause geblieben, im wohlbehüteten Luxus von St. Petersburg, wäre aus ihm vielleicht nicht viel mehr als ein hochintelligenter, weltschmerzhaltige Gedichte schreibender Schnösel geworden.

Das kommunistische Regime allerdings haßte er unverbrüchlich und galt deshalb über Jahre hin bei sogenannt progressiven westlichen Intellektuellen als Reaktionär. Er selber war nicht sehr "politisch", definierte seine Bedürfnisse kurz und bündig mit "Redefreiheit, Gedankenfreiheit, Kunstfreiheit" und erlaubte sich allenfalls Wunscherfüllungsphantasien wie, diese: "Ich glaube", sagt die verliebte Verlobte des Helden der "Gabe", der hie und da dem leibhaftigen Nabokov aufs Haar gleicht, "du wirst ein Schriftsteller, wie es ihn noch nie gegeben hat, und Rußland wird geradezu nach dir schmachten - wenn es zu spät zur Besinnung kommt Inzwischen ist Rußland zur Besinnung gekommen, tatsächlich zu spät, und vielleicht hat es ja sogar nach Nabokov geschmachtet. Seine Werke können jetzt jedenfalls publiziert werden, und die "Lolita", die er selber sozusagen auf gut Glück ins Russische übersetzt hat, findet endlich da ihre Leser, von wo ihr Schöpfer einst aufgebrochen ist.