Von Christiane Peitz

Erst sind es nur Konturen. "Wer ist da?" fragt eine Stimme. Auftritt der Stars: zwei Schauspieler im Opernkostüm, prächtig maskiert und geschminkt, der eine als Mann, der andere als Frau. Der König und seine Konkubine, Duan Xiaolou und Cheng Dieyi.

Peking 1977, nach der Kulturrevolution. "Jetzt ist alles besser", sagt der Hausmeister zu den beiden Stars, die vor 22 Jahren zum letztenmal gemeinsam auf der Bühne standen. Die beiden bejahen und loben die neue Ordnung. Aber es klingt skeptisch, wie aufgesagt.

Wer ist da? Der Hausmeister schaltet die Scheinwerfer ein. Nun stehen die Männer im Lichtkegel, zwei Silhouetten in einer riesigen, leeren Halle. Ein Schlag ertönt, noch einer, Musik hebt an. Wir sind in der Pekingoper. Das Stück, das heute gespielt wird, erzählt die Geschichte dieser beiden Männer und die Geschichte Chinas: die Geschichte vom besiegten König und seiner Konkubine, die sich im Moment der Niederlage aus Liebe die Kehle durchschneidet, und die Geschichte von Diktatur, Bürgerkrieg und Revolution, von Theater und Leben, Gewalt und Leidenschaft, Liebe und Verrat. Noch ist das Licht fahl, noch gibt die Erinnerung nur Schwarzweißbilder preis. Aber nach fast drei Stunden werden uns die Farben blenden, die Bilder werden explodieren und die Elemente entfesselt sein. Und wir werden die Gesichter nicht mehr vergessen.

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"Man muß singen", lehrt der Meister die Schauspielschüler und prügelt sie in ihre Rollen. Ziegelsteine zum Auseinanderreißen der Beine, für den Spagat. Schläge für die falschen Schritte, Schläge für den richtigen Text. "Wieviel Prügel muß man einstecken, um ein Star zu werden?" fragt Laizi, der schwächste unter den Jungen, als er zum erstenmal in die Pekingoper geht. Die Kinder weinen und schreien, aber es ist schon eine Pose. Der Geprügelte: eine Rolle, das schmerzverzerrte Gesicht: eine einstudierte Grimasse.

Douzi hat sechs Finger an einer Hand; er taugt nicht für die Oper. Die Mutter tunkt die Hand in Eiswasser und hackt ihm den unnützen Finger ab. Der zierliche, sensible Junge wird zu einem dan ausgebildet, einem Frauen-Darsteller. "Ich bin von Natur ein Mädchen", heißt eine seiner Textstellen, aber er sagt immer "Junge". Bis sein Freund, der kräftige Shitou, ihm mit der glühenden Tonpfeife des Lehrers den Mund blutig stopft. Jetzt sagt Douzi "Mädchen". Von diesem Tag an spielen Shitou und Douzi den König und die Konkubine. Vierzig Jahre lang. Als Künstler nennen sie sich Xiaolou und Dieyi.