Von Henrike Wenzel

Unbedingter Respekt vor menschlichem Leben, Achtung und Akzeptanz der Rechte und Freiheiten des Mitmenschen – das ist die Grundhaltung, deren Konsequenz ein Leben wie das von Martin Luther King sein kann. Wer als Grundlage einer "moralischen Weltordnung" die absolute rechtliche Gleichstellung aller Menschen annimmt, muß den Kampf gegen Ungerechtigkeit und Diskriminierung mit Mitteln führen, die jedem gleichermaßen zugänglich sind, niemanden ausstoßen und niemanden verletzen. Gewaltlosigkeit ist ein solches Mittel, und sie ist das einzige. King nennt sie ein "heilendes Schwert – sie schlägt, ohne zu verwunden, und sie adelt denjenigen, der sie führt".

Aber man darf sie nicht herabsetzen zu einer Waffe, die nach Belieben genutzt und wieder verworfen wird. Sie fordert von dem, der sie als Waffe führt, wirkliche Überzeugung und Bereitschaft, Werte wie Menschenrecht und Menschenwürde zu achten; nicht nur im "Kampf", sondern auch im alltäglichen Leben, wo niemand zuschaut, wo sie ganz allein aus Achtung vor Frieden und Toleranz praktiziert wird.

Ein Kampf für Akzeptanz und Gleichberechtigung, wie ihn King – gewaltlos – führte, fordert jedoch nicht nur den Gewalt Ablehnenden, sondern auch die Gegenseite. Es ist notwendig, daß der Gewaltbereite über die Eigenschaft verfügt, die man "Menschlichkeit" nennt, über ein Gewissen oder die Fähigkeit zum Mitleid. Und es ist notwendig, daß die Gesellschaft oder zumindest ein – mächtiger – Teil Gewalt gegen Wehrlose moralisch verurteilt. Wo Gewaltlosigkeit als Mittel eingesetzt wird, braucht es Massen, die sich durchsetzen wollen, und eine Öffentlichkeit, "Zuschauer", die reagieren und eindeutig Stellung nehmen. Nur dann ist die "Waffe" wirkungsvoll.

Als grundsätzliche Haltung darf sie dagegen nicht als "Zur-Schau-Stellung" der eigenen so lobenswerten Einstellung, sondern nur als Achtung vor Menschenwürde verstanden werden.

King hat dies gewußt und in seinem Leben deutlich zwischen seiner von Ghandi beeinflußten Haltung und seiner – daraus resultierenden – "Waffe" unterschieden. Sicherlich war es auch für ihn leichter, dem Prinzip der Gewaltlosigkeit in der Öffentlichkeit treu zu bleiben als im Privatleben, wo vielleicht auch er sich nicht selten Gefühlen wie Haß und Wut ausgeliefert sah. Doch war er von der Wahrheit seiner Botschaft, von der Idee der Freundschaft und Toleranz so erfüllt, daß es ihm gelang, durch seine Ehrlichkeit die Menge zu überzeugen und für ihre eigene Sache auf den Weg zu schicken. Daß mit Gewaltlosigkeit so viel zu erreichen war, glaubte niemand, war sie doch viel zu unbequem durchzuhalten – und zu ertragen. Der Bus-Boykott 63 bewies, daß die Schwarzen bereit waren, diese Unbequemlichkeiten auf sich zu nehmen, um endlich gleichgestellt zu sein.

Obwohl der Bus-Boykott nur der Anfang war und dieser Kampf später noch weitaus größere Opfer forderte, blieben viele diesem Weg der Gewaltlosigkeit treu. Waren es nur die Stärke und Autorität Kings, die sie überzeugten und mitrissen? Wohl kaum. Sicherlich wäre ohne ihn längst nicht so rasch so viel erreicht worden, aber möglicherweise war auch einfach die Zeit zum Umdenken gekommen. Die neue Generation wollte nicht mehr "segregieren", dennoch waren zu viele bereit, den Frieden durch Gewalt zu erzwingen, anstatt sich friedlich zu wehren. Wie konnte ein so einfaches Mittel wie Frieden selbst plötzlich zu einer so wirkungsvollen Waffe werden? Vielleicht hatten die Menschen erkannt, daß es bessere Antworten auf Gewalt gibt, als zurückzuschlagen, ohne deswegen auf Erfolge in ihrem Kampf verrichten zu müssen. Vielleicht hatten sie auch bemerkt, daß ein durch gewaltsamen Umsturz erreichter Zustand selten von großer Dauer ist. Vielleicht waren sie auch einfach sowohl der von ihnen als auch der von der Gegenseite angewandten Gewalt müde und begeistert von dem ihnen gezeigten und geleiteten neuen Weg.