Ein Kanton bricht auf in die Weltpolitik. Das ist der Weg, auf den sich Athen im Jahre 480 vor Christus macht, nach dem Seesieg bei Salamis über die Perser. Der Althistoriker Christian Meier mißt der Schlacht bei Salamis eine außerordentliche Bedeutung bei, für Athen, für Griechenland, für Europa. Die Enge von Salamis habe gewissermaßen das Nadelöhr gebildet, durch das die Weltgeschichte hindurch mußte, um zu demonstrieren, daß im östlichen Mittelmeer nicht die großen, monarchisch regierten Reiche wie das der Perser eine entscheidende Rolle spielten, sondern die Griechen, ohne monarchische Ordnung, außer in Sparta, ohne zentrale Macht, aufgesplittert in viele kleine selbständige Städte mit immer stärker werdendem Mitspracherecht der Bürger. John Stuart Mill hat behauptet, Salamis sei für die englische Geschichte wichtiger gewesen als die Schlacht bei Hastings, wichtiger als der Sieg der Normannen Invasion über die angestammte angelsächsische Herrschaft.

Durch Salamis sei der griechische, der Athener Sonderweg "approbiert" worden, eben jener Weg, der, "abweichend von aller Regel der Weltgeschichte", bewies, daß Kultur, Macht und Einfluß nicht notwendig aus monarchischen Zentren entstehen, sondern auch glanzvoll zutage treten können auf dem Boden von Bürgerherrschaft in kleinen Gemeinwesen. Christian Meier hat ein Buch mit dem knappen Titel "Athen" geschrieben, der wie eine Parole, wie ein Feldruf wirkt, sein zweites größeres Werk nach dem "Caesar". Nein, nicht ein größeres Werk; es ist schon ein Opus magnum, nach Umfang und Gegenstand, in der Einlösung des Anspruchs ein großer Wurf. Das Buch handelt allein vom 5. Jahrhundert vor Christus, dem "Jahrhundert Athens", gekennzeichnet durch zwei jahrzehntelange Kriege, den gegen die Perser und den Peleponnesischen, den griechischen Bruderkrieg - Athen gegen Sparta. Es war das Jahrhundert der großen Staatslenker, Dichter und Geschichtsschreiber, die Zeit der politischen und kulturellen Blüte Athens. Es umfaßte den Aufbruch Athens in Bürgersinn und strahlendem Vertrauen in das eigene Können und seinen Niedergang in Verblendung mit Werteund Machtzerfall. Dann traten die Mazedonier auf die Bühne der Geschichte.

Frühere Schriften Meiers steuern auf das zentrale Thema Athen, auf die große Zusammenschau zu: "Die politische Kunst der griechischen Tragödie", "Bürger Identität und Demokratie", "Politik und Anmut". Er interessiert sich für Verfassungskonstellationen, die exemplarisch etwas aussagen über den Zustand von Macht und Herrschaft: "Res publica amissa", eine Studie über die Modellsituation einer "Krise ohne Alternative" in der spätrömischen Republik und, daran anknüpfend, "Die Ohnmacht des allmächtigen Dictators Caesar", Meier hat einen wachen Blick für Widersprüche. Und daran fehlte es in Athen nicht: die Stadt als Großmacht ihrer Zeit und zugleich als Polis unter Poleis, als Vormacht der Bürgerfreiheit nach innen und als Tyrann in dem von ihr geführten griechischen Seebund, als Fremdkörper und Orientierungspunkt in der Griechenwelt. Es sei nicht Sache des Historikers, schreibt Meier, zur Verehrung anzustiften. Aber er hat dem Buch die Losung vorangestellt: "Pour comprendre il faut aimer". Und so nimmt er den Leser an die Hand zu einem liebevoll kritischen Gang durch Athens großes Jahrhundert.

Das ist kein Geschichtsbuch im herkömmlichen Sinne, ein Nachschlagewerk schon gar nicht. Meier hat eine Gabe, um die ihn mancher Fachkollege beneiden wird, die des Erzählers. Die Quellen sind ja nicht so überreichlich. Man hat die Fachkollegen Herodot und Thukydides und natürlich die Tragödien, die Meier als eine Auskunftsquelle ersten Ranges vorstellt. Wie sehr sie es sind, wird deutlich, wenn man sie jeweils in unmittelbarem Zusammenhang mit dem politischen GeEschehen ihrer Entstehungszeit sieht. Dann erkennt man nicht nur, daß zum Beispiel die "Orestie" des Aischylos in nuce die Geschichte der Polis Werdung auffuhrt oder daß die "Medea" des Euripides das Motiv des Peleponnesischen Krieges zu enthalten scheint, sondern man beginnt auch zu verstehen, weshalb die Athener die Tragödien brauchten, als Elemente ihrer "mentalen Infrastruktur". Es sind nicht Schlüsselgeschichten, aber sie spiegeln die Seelenlage der Stadt wider und die großen sie bewegenden Fragen. Sie haben über lange Zeit eine Ordnungsfunktion, indem sie Sachverhalte sichten helfen und auch Antworten anbieten.

Der Athener Sonderweg ist der zur Demokratie. Meier zeichnet den Weg nach - von der Eumonie, der Wohlordnung, zur Isonomie, der Gleichheitsordnung, bis hin zur revolutionären Tat der Entmachtung des Aeropags, dem Datum, an dem die Demokratie in Athen beginnt. Eine Demokratie wie in unseren Tagen war die athenische gewiß nicht. Sie war direkt, nicht repräsentativ. An der Herrschaft nahmen zuletzt auch die unteren Schichten teil. Aber es waren die Bürger, die herrschten; die Frauen, die Sklaven, die Fremden waren ausgeschlossen. Es gab Bürgerrechte, keine Menschenrechte. Gewaltenteilung war unbekannt. Fremdenfeindlich war man nicht, aber die Bürgerschaft war ein geschlossener Männerbund. Gerade die Demokratie, meint Meier verständnisvoll, scheine auf die Homogenität der Bürgerschaft angewiesen gewesen zu sein: "Ohne Staat, ohne Verwaltungsapparat, ohne Polizei, ganz im unmittelbaren, verantwortungsvollen Umgang der Bürger untereinander beruhend. Da scheint es jene starke, familienartige Verbundenheit gebraucht zu haben, die der Fiktion nach gar als Abstammungsgemeinschaft galt Die Bürgerpflichten müssen in ihrer Intensität anstrengend gewesen sein. Da lag es nahe, den Alltag den Frauen und den Sklaven zu überlassen. Immerhin gab es in der Wahrnehmung der Ämter eine zum Teil recht schnelle Rotation.

Ein Widerspruch: Das demokratische Athen hat in seinem großen Jahrhundert immer wieder große Männer hervorgebracht und gebraucht, die quasimonarchisch regierten. Perikles, die Verkörperung der Athener Blütejahre, steht da an erster Stelle. Man spricht vom Perikleischen Athen, von der Ära des Perikles. Athen hatte keine gewählte oder ernannte Regierung. Die Stellung führender Persönlichkeiten war in keiner Weise formell gesichert "Sie beruhte in erster Linie auf Überzeugungskraft und Ansehen, in einem sehr bestimmten Sinne könnte man es Popularität nennen " Vor allem in Zeiten heftiger Auseinandersetzungen und großer Ratlosigkeit habe sich die Athener Bürgerschaft psychologisch auf große Persönlichkeiten festgelegt "Diese Macht aber konnte nur ausgeübt werden, wenn sich der Mann an der Spitze sehr genau auf den Bahnen hielt, auf denen sich der Wille der Mehrheit bewegte Im Vergleich zu anderen Zeiten kann man wahrscheinlich feststellen, daß die Spielräume für mächtige Persönlichkeiten im isonomen und demokratischen Athen vergleichsweise gering waren - außer sie vermochten sich mit den in der Volksversammlung maßgebenden Strömungen in eins zu setzen . Wer anderes vorhatte, als wohin die Bürgerschaft gerade tendierte, ist auf längere Sicht regelmäßig gescheitert "

Meier sagt offen, man könne "wahrscheinlich" etwas feststellen. Denn die Gewißheiten sind nicht so reichlich. Nicht selten spinnt der Autor einen Faden weiter, den er an einer hinlänglichen Gewißheit festgemacht hat. Er bewegt sich dann im Bereich der Wahrscheinlichkeiten mit naheliegenden Vermutungen, die die Angelsachsen educated etwa wenn Meier den Leser durch den Athener Alltag zu Zeiten des Perikles führt, ein historischer und kulturhistorischer Baedeker von großer Anschaulichkeit.