Von Hubert Winkels

Eine der seltsamsten Blüten des deutschen Literaturbetriebs ist die Autorenlesung. Hier finden alle am medialen Prozeß Beteiligten in Raum und Zeit leibhaftig zusammen, um das wesentlich unpräsentische, ereignisferne, abstrakt-symbolische Massenmedium Schrift in einem momentanen Ereignis niederkommen zu lassen. Zeichnen sich Massenmedien ansonsten dadurch aus, daß sie die Botschaften von allen natürlichen Kontexten lösen und einen eigenen Zirkulationsraum schaffen, so wird in der Lesung noch einmal die Unmittelbarkeit einer oralen Kultur inszeniert.

Der Autor liest im Idealfall so, als erfände er den Text im Augenblick und wird die Augen nach Möglichkeit von ihm lösen; der Hörer gleitet bequem in die Rolle eines notwendigen Zeugen (und deshalb auch Mitarbeiters) der Schöpfung; und das Buch verwandelt sich in die angenehmen Schwingungen von Sinn und Sound. Als dauerndes Zeichen der Niederkunft der Schrift im menschlichen Raum von Sprecher und Hörer empfängt das Druckwerk schließlich seine Prägung durch die Signatur des Autors auf dem Vorsatzpapier. Der Adressat hat damit den Beleg: Die Schrift ist Mensch geworden und hat unter uns gewohnt.

Die Autorentournee, die es vergleichbar in anderen Ländern nicht gibt, ist vieles: in großzügig historischer Perspektive ein später Abkömmling der Missionsreise und ein Residuum geistesfürstlichen Hofhaltens; in praktischer Hinsicht ein Marketinginstrument des Verlages und ein ökonomisches Überlebensmittel für den Autor. In ihrer inszenierten Mündlichkeit ist sie heutzutage aber vor allem ein Ersatz für die unendlich breitenwirksamere Oralität des Fernsehens.

Das Fernsehen nämlich lebt ganz wesentlich von jenem Schein der Unmittelbarkeit, der die technische Dazwischenkunft des Mediums vergessen macht. Zumal die einzige große immerwährende Talk-Show des Fernsehens produziert ständig die intime Begegnung als Live-Ereignis, und die unmittelbare Zeugenschaft (und zunehmend auch Kooperation) des Zuschauers wird mit allen Mitteln sogenannten interaktiven Fernsehens intensiviert.

Beispielhaft illustriert dies eine große Unterhaltungssendung am Samstagabend, "Einladung zu Schimpf". Während der Live-Sendung vervielfältigt sich der Moderator aus dem Studio in die Außenwelt, um an einem anderen Ort, dessen "Realität" dadurch verbürgt ist, daß er scheinbar noch nicht vom Fernsehen besetzt ist, aufzutauchen und überraschte "reale" Menschen in Telepersonal zu verwandeln. Mit einem kurzen Händeklatschen öffnet Talkmaster Björn Hergen Schimpf über eine Art Bildtelephon die Außenwelt und holt einen Bordellbesucher vom Hamburger Kiez oder einen italienischen Pizzabäcker heim ins Reich der Television. Doch nicht nur X-Beliebige werden ins Fernsehen hineinverwandelt. Neben etlichen notorischen Fernseh-Gespenstern, den Prominenten eben, wird als Hauptgast eine möglichst TV-ferne Figur ausgewählt, um an ihr die flächendeckende Verwandlungskompetenz des Mediums am Extremfall vorzuführen.

So ist ein hochbetagter holsteinischer Fischer, der letzte seiner Zunft am Ort, ein Idealgast, weil er die Verhaltenscodes des Mediums noch nicht verkörpert. Der Angriff auf das Lokale und Berufsständische, den geschlossenen traditionellen Horizont des Alten wird mittels Bestätigung und Akklamation geführt. Das Fernsehen vollbringt das Wunder der Seinsgarantie für den bis dato Uncodierten, indem es einen Dorfweg, den vom Fischerhaus zum Meer, nach dem Mann benennt. Doch der arme Fischer staunt ungläubig wie einst Thomas, der die Macht des Höchsten, im Realen zu wirken, bestätigt haben wollte. Also hat man den Bürgermeister des Ortes eingeladen, der, unterstützt von einer heimatlichen Blaskapelle, die Straßenbenennung offiziell verkündet.