Von Ulrich Schiller

Die Komsomolzenfahne mit dem milchgesichtigen Jung-Lenin, die martialischen Konterfeis des letzten Gorbatschow-Politbüros, die Hammer-und-Zirkel-Flagge in der Ausfertigung mit goldenen Fransen, das Krupskaja-Portrait in Leichenbegängnismiene, ein vergilbtes Photo Trotzkijs, ein babyküssender Ulbricht mit Breschnjew in Bratislava 1968 – alles flog in die Kartons. Martha Mautner räumte auf, keine Agitprop-Filiale, sondern ihr Büro im State Department, ein durchaus gewöhnliches Büro in den Irrgärten des Diplomatenbunkers in Washington, aber eines mit dem Flair einer Epoche. Einer vergangenen.

Martha Mautner geht in Pension, und das trifft eine große Gemeinde. Mummenschanz war zum Abschiedsimbiß aufgeboten. Lenin, Stalin, Breschnjew und Gorbatschow, die Geister – oder auch der Geist –, die ihre Karriere begleitet hatten, grüßten an der Tür. Medaillen gab’s und Mitarbeiterpoesie. Und wo in den Abschiedsversen das Kompetenzgerangel in der Regierungsmaschinerie durchgehechelt wurde, brach Jubel los. Kostprobe: "Wie CIA und NSC (= Nationaler Sicherheitsrat im Weißen Haus) die Lage sehen / entlockt uns nur ein wissend’ Lächeln... wenn selbst die besten ihrer Expertisen / bekrittelt sind von Marthas feiner Feder."

Nicht nur Martha Mautner verabschiedet sich. Eine ganze Spezies wird von der Geschichte in den Ruhestand verwiesen. Die dazugehörten, waren eine Art geschlossene Gesellschaft, Staatsdiener mit eigenem Esprit de corps. Es gab sie im State Department und im Pentagon, im Geheimdienst und im Weißen Haus: die Kreml-watchers. Läßt sich das übersetzen? Man tut sich schwer. Denn die Kreml-"Astrologen", die naheliegende Vokabel, die waren ja eine andere Innung, eher die Karikatur von Leuten, die etwas zu wissen glaubten, wo nach allgemeiner Meinung wenig oder nichts zu wissen war. Kreml-watchers tüftelten mit dem, was sie wußten.

Martha Mautner war zuletzt eine der maßgebenden Kreml-watchers im US-Außenministerium, Ressortchefin in einer Abteilung, die nur hinter der diplomatischen Bühne wirkt und deren oft hochgradige Experten immer anonym bleiben: INR, wie sie im Jargon sagen, intelligence and research. INR existiert seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Abteilung war der recherchierende und forschende Arm des CIA-Vorläufers OSS (Office of Strategie Service) und hatte Akademiker aller Sparten, Flüchtlinge und Emigranten beschäftigt, die den Amerikanern halfen, die anderen im Kriege liegenden Völker zu verstehen. Herbert Marcuse zum Beispiel hat für INR gearbeitet. Als Präsident Truman die CIA (Central Intelligence Agency) gründete, wurde INR dem Department of State zugeschlagen.

Das Handwerk der Spionage hat Martha Mautner nicht lernen müssen, wohl aber, wie das, was Spionage bringt, für die siebente, die Chefetage des Außenamtes aufbereitet und nutzbar gemacht wird. "Man kann Geheimdienstmaterial nicht roh und unbearbeitet weitergeben", erläutert sie, "es muß in den Zusammenhang gestellt werden, wer es beschafft hat und warum. Wir bearbeiten alles, von elektronischen Daten und Angelegenheiten der höchsten Geheimhaltungsstufe bis hin zu Presse- und Rundfunkberichten aus allen Ecken der Welt."

Ihre Karriere begann in Moskau, als der Kalte Krieg seinen Anfang nahm. Ihr Dienstschluß fiel mit dem Tag zusammen, an dem im schwarzen Qualm des Weißen Hauses an der Moskwa die letzte Bastion des Sowjetkommunismus geschleift wurde. Wann genau der Kalte Krieg begann? Martha sagt es auf den Tag: Es war der 10. Februar 1946. Stalin hielt eine Rede. Der "weise Führer" schenkte dem Sowjetvolk diesmal reinen Wein ein: Schluß mit allen im Kriege geborenen Freiheitsgelüsten, Schluß auch mit allen Ausländerkontakten! Der Vorhang senkte sich.