Von Mycle Schneider und Ludwig Siegele

Kurz nach acht Uhr fließt plötzlich kein Kühlwasser mehr. Innerhalb von Sekunden steigt die Temperatur in einem Brennelement auf über zweitausend Grad Celsius. Das Uranoxid in den achtzig Zentimeter langen Stäben fängt an zu schmelzen, tropft zäh auf den Boden der Zelle. Radioaktive Giftschwaden dringen über die lecken Kühlleitungen in das Reaktorgebäude. Erst nach einigen Stunden klingt die Höllenhitze langsam wieder ab.

Eine Kernschmelze, der gefürchtete GAU (Größter Anzunehmender Unfall). Aber diesmal soll es kein Unfall sein wie etwa 1979 im amerikanischen Kraftwerk Three Mile Island – sondern ein spektakuläres Experiment: Vorausgesetzt, das Vorhaben wird nicht noch kurzfristig verschoben, lassen Nuklearwissenschaftler in dieser Woche im Atomzentrum von Cadarache (Südfrankreich) einen Miniaturmeiler namens Phebus durchbrennen.

Das ist eine Weltpremiere. Zwar haben Forscher seit dem Unfall von Three Mile Island schon häufiger Brennelemente schmelzen lassen oder andere Reaktorteile getestet, meist unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Aber das Experiment von Cadarache ist das erste, das eine komplette Kraftwerkskatastrophe simuliert – vom Ausfall des Kühlsystems über die Kernschmelze bis zum Austritt der Spaltprodukte in das Reaktorgebäude und in eine künstliche Atmosphäre.

Auf dem Gelände des Zentrums von Cadarache, siebzig Kilometer nördlich von Marseille, hätte die Pariser Innenstadt locker Platz. Dort findet sich auch alles, was die französische Nuklearindustrie zu bieten hat: Das Commissariat à l’Energie Atomique (CEA) testet Reaktoren. Die Compagnie Generale des Matières Nucléaires (Cogéma) produziert Brennelemente. Und das Institut de protection et de sûreté nucléaire (IPSN) betreibt den Versuchsreaktor Phebus.

Von außen sieht er gar nicht aus wie ein Atomkraftwerk, eher wie eine kleine Fabrik: ein harmloser, schneeweißer Kasten mit Schornstein. Aber Phebus hat es in sich. Vier Jahre haben Nukleartechniker dazu gebraucht, um den bereits 1978 eingeweihten Meiler umzubauen. Es ist ein Leichtwasserreaktor, so wie er rund fünfzigmal in Frankreich steht. Die Brennelemente hängen in Wasser, das ständig umgewälzt wird. Nur ist dieser Reaktor fünftausendmal kleiner.

Ein Phebus-Brennelement, ein Bündel von zwanzig mit leicht angereichertem Uranoxid gefüllten Stäben, ist vom Rest des Reaktors abgekapselt. Die Zelle im Zentrum des Reaktorkerns ist praktisch ein kleiner Meiler für sich, mit eigenem Kühlwasserkreislauf. Den unterbrechen die Forscher der Sicherheitsbehörde IPSN in diesen Tagen, um die rund zehn Kilo Uran zum Schmelzen zu bringen.