Von Rainer F. Schmidt

Es war schon lange nach Mitternacht im Kreml, und die Stimmung war locker und aufgeräumt wie selten zuvor. Die Verhandlungen der britischen Delegation und ihrer sowjetischen Gastgeber waren gut vorangekommen. Seit dem 6. Oktober 1944 bemühte man sich um eine Abgrenzung der Interessensphären in Südosteuropa (Deckname "Operation Tolstoy"). Da nahm Stalin seinen Gast, den britischen Premierminister Winston Churchill, auf die Seite und schnitt völlig unvermittelt ein Thema an, das ihn seit Jahren geradezu traumatisch verfolgte: den Flug des Führerstellvertreters Rudolf Heß in einer geheimnisumwitterten Friedensmission nach Schottland am 10. Mai 1941.

Doch was Stalin zu hören bekam, entsprach dem Tenor der britischen Aussagen in den vergangenen Jahren: Der Flug sei ein wahnwitziges Unternehmen auf eigene Faust gewesen; Heß sei gekommen, um mit dem König Friedensgespräche zu führen; und man habe ihn sofort verhaften lassen. Der Diktator beharrte dennoch auf seinem Standpunkt: Heß sei vom britischen Secret Service in eine Falle gelockt worden – ein Vorwurf, den Churchill mit allem Nachdruck zurückwies.

Weder eine mehr als dreijährige Kampfgemeinschaft gegen die deutsche Wehrmacht noch die Landung der Westalliierten in der Normandie im Juni 1944 hatten ausgereicht, das sowjetische Mißtrauen gegen die Engländer in der Affäre Heß zu beseitigen. Churchill hielt es daher für angezeigt, den kriegsinternierten Heß eiligst für zurechnungsfähig erklären zu lassen, um ihn dem Alliierten Gerichtshof in Nürnberg überstellen zu können. Dort wurde Heß zu lebenslangem Freiheitsentzug verurteilt – ein Kompromiß zwischen dem sowjetischen Antrag auf Tod durch den Strang und der alliierten Forderung auf zwanzig Jahre Haft. Somit verschwand der sowjetisch-britische Dissenz hinter den Mauern des Spandauer Kriegsverbrechergefängnisses, und ein Sperrvermerk auf den Heß-Akten in den britischen Archiven bis zum Jahre 2018 sollte dafür sorgen, daß dies lange Zeit auch so blieb.

Nach der überraschenden Entscheidung im Juni vergangenen Jahres, die sogenannten Hess Files vorzeitig zu öffnen, ist Erstaunliches ans Licht gekommen: Das Kabinett Churchill hat im Mai/Juni 1941 ein Verwirrspiel ins Werk gesetzt, das auf mehreren Ebenen ablief und die Möglichkeit offen ließ, daß England auf die Vorschläge einging, die Heß mitgebracht hatte. Das ganze Manöver zielte auf Stalin. In den Wochen vor dem Beginn des erwarteten deutschen Angriffs auf die Sowjetunion sollte er durch die Drohkulisse eines britisch-deutschen Arrangements von einem möglichen neuen Abkommen mit Hitler abgehalten und ins westliche Lager gezogen werden. Hier ist auch der Grund zu sehen, warum die Akten im Public Record Office vorzeitig freigegeben wurden: Denn die Spielfigur, derer sich die Briten im Frühsommer 1941 auf dem Schachbrett der internationalen Politik bedienten, ist seit 1987 nicht mehr am Leben, und das Zielobjekt des Spieles, die Sowjetunion, hat inzwischen aufgehört zu existieren.

Um die Rationalität dieses Erpressungsmanövers zu verstehen, ist es notwendig, sich zunächst die politische Szenerie zu vergegenwärtigen, in die Heß in jener Maiennacht mit dem Fallschirm hineinsprang. Churchill, seit genau einem Jahr im Amt, stand nach der Kapitulation Frankreichs mit dem Rücken zur Wand. Die Entscheidung vom Juni 1940, den Kampf alleine gegen Hitler fortzusetzen, schien in eine Sackgasse zu führen. Seit Kriegsbeginn waren Benzin, Lebensmittel und Textilien streng rationiert; die Regierung sah sich gezwungen, den Ausverkauf des Empires einzuleiten: Im Austausch für fünfzig alte Zerstörer mußte sie den Amerikanern Stützpunkte auf den Karibikinseln einräumen.

Hinzu kam eine Kette militärischer Mißerfolge von Nordafrika bis zum Balkan. Auf der Atlantikroute, der lebenswichtigen Versorgungslinie für den Nachschub an Kriegsgütern aus den USA, waren die Verluste an Tonnage und Schiffen gewaltig wie nie zuvor. Nicht weniger ungünstig stand es um alle Versuche, mit der neutralen Sowjetunion eine Verständigungsbasis zu finden und die seit Kriegsbeginn bestehende Partnerschaft zwischen Hitler und Stalin zu unterminieren. Die Russen hatten ein britisches Verständigungsangebot monatelang unbeantwortet gelassen, bis es Außenminister Molotow am 1. Februar 1941 schließlich schroff zurückwies.