Eine Arbeit "ohne Vergleich und ohne Vorbild, eine der größten Leistungen in der Wissenschaft in ihrem Inhalt und eine der glänzendsten in ihrem Stil. Aufgebaut ist sie more Newton über die Schulter geschaut, und ihre axiomatische Architektonik erhebt den Anspruch auf Vollendung und Endgültigkeit "

So schwärmt Albrecht Fölsing über den dreißig Druckseiten langen Artikel "Zur Elektrodynamik bewegter Körper", der am 28. September 1905 in den Annalen der Physik erschien. Der Verfasser dieser Abhandlung, ein 26j ähriger Angestellter beim Patentamt zu Bern, Albert Einstein. Der Hymnus, den der Physiker und Abteilungsleiter für "Natur und Wissenschaft" am Norddeutschen Rundfunk über den Aufsatz in den Annalen anstimmt, ist fraglos angemessen; handelt es sich doch um die erste Veröffentlichung der speziellen Relativitätstheorie, einer fundamentalen Veränderung des Begriffsgebäudes der gesamten Physik. Doch der Überschwang des Autors ist eher untypisch für sein Buch.

Fölsings Stärke ist die distanzierte Betrachtung des vielschichtigen, allzuoft von Widersprüchen - moralischen wie wissenschaftlichen - verspannten Daseins eines komplizierten Gelehrten. Einsteins Bescheidenheit und Selbstironie hatten ihn zwar gegen die tükkischen Verführungen des Weltruhms gefeit. Doch der gütige Weise oder professorale Kauz, zu dem ihn viele Legenden, aber auch so mancher Biograph stilisiert haben, ist er nicht gewesen. Das beweist Albrecht Fölsing überzeugend mit einer Fülle von Belegen aus noch kaum geschöpften Quellen, insbesondere den vielen Briefen Einsteins, deren Existenz erst vor kurzem ans Licht gekommen ist.

Vorzüglich gelingt es dem Autor, mit bestechender Logik die zum Teil schon in früher Jugend angetretenen Denkwege nachzuzeichnen, die Einstein zu seinen bahnbrechenden wissenschaftlichen Einsichten geführt haben, aber auch jene Wege, die das angestrebte Ziel nicht erreichten, wie etwa die vergeblichen Versuche, eine einheitliche Feldtheorie, das mathematisch physikalische Bindeglied zwischen der Relativitätstheorie und der Quantentheorie, zu ersinnen.

1 Wohltuend enthält siel Fölsing psychologischer Spekulationen - und beweist damit, daß sich ein Leben von selbst erzählt, wenn die Zeitströmungen, in die es hineingestellt war, die Ein- und Ansichten des Biographierten und die seiner Zeitgenossen hinlänglich bekanntgemacht werden. Dafür hat Fölsing mit großem Fleiß gesorgt; und die Folgerichtigkeit, mit der er die Fakten vernetzt, vermitteln eben doch ein neues Einstein Bild, womit sich die Frage erledigt, ob es denn angesichts der kaum noch übersehbaren Menge von Einstein Biographien vonnöten gewesen sei, eine weitere - und so dickleibige - hinzuzufügen.

Der erfahrene Mittler zwischen Forschung und Öffentlichkeit kommt seiner Pflicht, die Vorgeschichte der Relativitätstheorie und die Erklärung ihrer selbst darzulegen, mit Bravour nach. Fölsing verliert sich nicht im mathematischen Detail und gibt dem Leser dennoch das Gefühl, die neue Physik verstanden zu haben.

Verständlich wird ebenso der Mensch Albert Einstein, der mit dem Sozialismus sympathisierende Pazifist und Vorkämpfer für einen jüdischen Staat, der gescheite Mann, der mit freimütigen, oft enthüllend geistreichen, bisweilen aber auch überraschend törichten Äußerungen so manchen Freund, Kollegen oder Bewunderer brüskiert hat. Ja, es ist richtig, daß er in späteren Lebensjahren sein Äußeres arg vernachlässigte, keine Socken trug und - es läßt sich nicht leugnen - stank "Wenn ich anfange, mich körperlich zu pflegen, dann bin ich nicht mehr ich selber", schrieb er seiner zukünftigen - zweiten - Ehefrau Elsa, und er war überzeugt davon, daß ihn deswegen "mancher Fatzke in Ruhe läßt, der mich sonst aufsuchen würde". Er kokettierte gern mit seinen Nachlässigkeiten und versuchte, damit eine Weltfremdheit vorzutäuschen, die ihm jedoch ganz und gar nicht zu eigen war.