In der Bundesrepublik werden seit Einführung des HIV-Tests 1985 bei nahezu fünf Millionen Blutübertragungen auf circa eine Million Patienten jährlich nur durchschnittlich drei HIV-Neuinfektionen verursacht. Die weit überwiegende Zahl der 3000 Neuinfektionen pro Jahr wird dagegen sexuell oder durch needle sharing bei Fixern akquiriert. Von den drei infizierten Patienten sterben zwei vor dem Auftreten der Aids-Symptome an ihrer ursprünglichen Grunderkrankung.

Ihnen stehen jährlich rund 60 000 Fälle sonstiger schwerer Infektionen durch zum Teil resistente Keime im Krankenhaus gegenüber, die zum Tod des Patienten führen oder dazu beitragen. Ein nach 1985 durch Blutkonserven oder Plasma verursachtes Transfusions-Aids ist also mit weniger als 0,1 Promille aller Krankenhausinfektionen eine äußerst seltene Diagnose. Die Sicherung der Blutversorgung vor HIV seit 1985 gilt daher in der BRD zu Recht als gewonnene Schlacht im Krieg gegen Aids.

Die Forderung der Öffentlichkeit nach garantiert Virus-freien Blutkonserven ist zwar verständlich, aber derzeit für zelluläre Blutprodukte nicht zu realisieren. Gelänge eine Sterilisation, also die Abtötung des HIV in der Zelle, wäre auch eine Heilung von Aids-Patienten denkbar. Das Ziel, HI-Virus-freie Blutkonserven herzustellen, wird heute immerhin nahezu erreicht, wenn nämlich die hochsensitiven HIV-Antikörpertests der "dritten Generation" korrekt eingesetzt werden. Das sogenannte diagnostische Fenster der frühen HIV-Infektionsphase – jene Wochen nach der Infektion, in der diese nicht nachweisbar ist – wird seit Mitte 1992 in dreißig Prozent der deutschen Blutspendedienste durch den HIV-l-p24-Antigentest ("direkter HI-Virusnachweis") verkleinert. Neue molekulargenetische Verfahren wie die Polymerase-Ketten-Reaktion (PCR) könnten eventuell eine HIV-Infektion des Blutspenders noch früher aufdecken, indem bereits einzelne Teile des HI-Virusgenoms aus Blutzellen oder einer Serumprobe des Spenders, millionenfach vermehrt, nachweisbar werden. Das PCR-Verfahren ist allerdings bisher für das Blutspender-Routine-Screening noch nicht validiert und serienreif. Testempfindlichkeit, -genauigkeit sowie Praktikabilität müssen verbessert und die hohen Testkosten von sechzig Mark gesenkt werden; denn sonst müßte ein marginaler Sicherheitsgewinn von vielleicht einem bis zwei verhüteten Transfusions-Aids-Fällen pro Jahr mit astronomischen Testkosten von 300 Millionen Mark erkauft werden (die Summe entspräche dem Dreijahresetat der Deutschen Aids-Hilfe).

Die moderne Transfusionsmedizin ermöglicht durch eine "Hämotherapie nach Maß" erst die zahlreichen neuen Therapiekonzepte verschiedener klinischer Fächer, etwa in der Krebs-Chemotherapie, bei Organ- und Knochenmarktransplantationen, erworbenen und angeborenen Blutgerinnungsstörungen, schweren und Mehrfachverletzungen, ausgedehnten Verbrennungen oder intrauterinem Blutaustausch. Die oft lebensrettenden Blutpräparate – im statistischen Mittel rettet jede zehnte Blutkonserve ein Menschenleben – gehören heute zweifellos zu den sichersten Arzneimitteln. Die unvermeidbaren Restrisiken der Hämotherapie sollten der Öffentlichkeit von den Medien und den Gesundheitspolitikern möglichst korrekt dargestellt werden, um die jährlich circa eine Million Transfusionsempfänger vor unnötigen seelischen Belastungen und körperlichen Schäden zu bewahren.