Von Raoul Hoffmann

Wer ist nicht alles während der 150 Jahre, in denen der Gare du Nord besteht, in diesen Bahnhof eingefahren! Hier kamen im letzten Jahrhundert die deutschen Flüchtlinge an, die unter politischer Verfolgung zu leiden hatten, und – im Gefolge der industriellen Revolution – die Zuwanderer aus den ländlichen Gebieten Nordfrankreichs. John Galsworthy faßte an Ostern 1895 ausgerechnet vor der Bahnhofsbuchhandlung des Gare du Nord den Entschluß, Schriftsteller zu werden. Und Thomas Mann läßt seinen Lebenskünstler Felix Krull den heißersehnten Boden der großen Welt an diesem Ort betreten.

Wenngleich sie Felix Krull nur wenig gefiel, beeindruckt die Ankunftshalle den Besucher dennoch mit der imposanten Architektur eines repräsentativen Bauwerks, wie es typisch war für das 19. Jahrhundert. Mit schwereloser Eleganz überspannen die drei Schiffe des filigranen Glasdaches alle achtzehn Gleise, getragen von dreißig hohen Eisensäulen und dem mächtigen Gerüst einer Eisenkonstruktion, wie sie nur diese Epoche hervorbrachte. Ein Traum aus Licht und Glas: Auch die Fassade am Ende der Halle wurde aus Hunderten kleiner Fenster zusammengefügt. In seiner Höhe und Weite wirkt dieser riesige Raum wie eine Kathedrale des früher Industriezeitalters.

Noch bevor im Mai nächsten Jahres die TGV-Verbindung zwischen Paris und London erstmals durch den Kanaltunnel führen wird, ist der Nordbahnhof gründlich renoviert und modernisiert worden. Die verschmutzte Frontseite hat ihre freundliche Sandsteinfarbe zurückerhalten, Boden und Wände wurden mit hellen, pflegeleichten Materialien versehen. Umgerechnet hundert Millionen Mark kostete es allein, die längst überfällige Bahnhofstechnik auf den neuesten Stand zu bringen. Reisende, die demnächst in nur drei Stunden mit dem Zug von Paris aus die britische Hauptstadt ansteuern, starten dann von einem gesonderten Bereich, sozusagen von einem eigenen Bahnhof im Bahnhof aus. Und Geschäftsleuten stehen künftig in einem komfortablen Warteraum alle Kommunikationsmittel zur Verfügung, damit sie Wartezeiten sinnvoll überbrücken können.

Der Bahnhofsaufenthalt soll nicht länger ein nervtötender Alptraum, sondern ein angenehmer Teil der Reise sein. Mit schallschluckenden Materialien wurden weite Bereiche der Ankunftshalle zu erholsamen Ruhezonen umfunktioniert. Der Schriftsteller Leon-Paul Fargue bewunderte in den dreißiger Jahren an dem Gare du Nord seinen faszinierenden "Music-Hall-Charakter". Jetzt ist das Vergnügen noch größer. Denn die französische Eisenbahngesellschaft beauftragte den renommierten Komponisten und Akustiker Louis Dandrei, die laut- und lichttechnischen Verhältnisse zu verbessern.

Bahnhöfe sind Orte der Begegungen, der großen Emotionen. Hier wird geküßt, geflucht und geschimpft, im Gare du Nord trifft sich tout Paris quer durch alle Gesellschaftsschichten. Der Bahnhof als das Einfallstor zur Großstadt: Noch immer kommen hier die Arbeitssuchenden aus den nördlichen Krisenregionen Frankreichs an, ganze Familien mitunter, deren angespannte Gesichter erkennen lassen, daß diese Menschen sich nicht auf einer angenehmen Urlaubsreise befinden.

Die Durchsagen in französischer, englischer und deutscher Sprache sind dank des neuen Wiedergabesystems gut zu verstehen. Vorbei die Zeilen, als es aus den Lautsprechern krächzte und pfiff. Der Lärmpegel hat sich deutlich reduziert, die Züge fahren fast lautlos ein. Das neue SNCF-Signal des Louis Dandrei, das immer wieder erklingt, wirkt in seiner Kürze und Dynamik wie eine kleine Hymne auf das TGV-Zeitalter.