Von Peter Hamm

Je reicher eine Nationalkultur ist, desto leichter verführt sie ihre Nutznießer zu einer kulturellen Selbstgenügsamkeit, die von Ignoranz oft nur schwer zu unterscheiden ist. "Ein Pole oder Tscheche", so Milan Kundera, "besitzt weitaus kosmopolitischere Kulturkenntnisse als ein Franzose oder ein Russe, da ihre Nationalliteratur ihnen keineswegs die Weltliteratur ersetzen kann." Goethe, Erfinder des Begriffs Weltliteratur, identifizierte diese keineswegs mit den Kulturzentren, sondern spürte ihr gerade auch an den Rändern nach; polnische oder tschechische Literatur beschäftigten ihn nicht weniger als englische, französische oder orientalische. Hätte seine wunderbare Weltoffenheit Schule gemacht, so besäßen heute Witold Gombrowicz oder Bruno Schulz bei uns mindestens die Reputation eines Sartre oder Céline.

Man stelle sich nur einmal vor, der Prager Jude Franz Kafka hätte nicht deutsch, sondern tschechisch geschrieben. Wäre sein Name dann viel bekannter als etwa der seines geistesverwandten Landsmannes Richard Weiner, dessen Bücher zwar aus dem Tschechischen ins Deutsche übersetzt wurden, aber doch völlig wirkungslos blieben? Und was ist mit den übrigen bedeutenden Kafka- und Weiner-Zeitgenossen, mit Vladislav Vorburg oder Ladislav Klima? Wer kennt und liest sie bei uns? Lieber stürzt man sich hierzulande auf das fadeste belletristische Trockenfutter, wenn es nur den Aufdruck made in Germany oder made in USA trägt, als sich einzulassen auf das Abenteuer einer Literatur, die zwar aus einem kleinen, aber literarisch überaus reichen Land – einem Nachbarland dazu – kommt, einem Land, das die vielen dunklen Epochen der Fremdherrschaft in seiner Geschichte überhaupt nur mit Hilfe der Literatur überstanden und nun schon zum zweiten Mal einen Schriftsteller zum Präsidenten hat.

Milan Kundera hat erst nachdem Paris ihm den weltliterarischen Segen und Heimatrecht erteilte, auch deutsche Lesermassen angezogen, obwohl seine Bücher lange zuvor in deutschen Übersetzungen vorlagen. Und die tschechischen Lyriker Jaroslav Seifert und Jan Skácel fanden bei uns erst über den Nobelpreis beziehungsweise Petrarca-Preis für einen Moment jene Beachtung, die sie wahrlich viel früher verdient hätten. Doch Skácel und der von ihm verehrte Seifert sind ohne ihre Weggefährten und Vorgänger Vítězslav Nezval, Konstantin Biebl, Frantisek Halas, Vladimir Holan und viele andere gar nicht zu denken – und vor allem auch nicht ohne Jakub Deml, der ein unglücklicher, skandalumwitterter Pfarrer und eine der geheimnisvollsten Gestalten der modernen tschechischen Literatur war.

Geboren 1878 im mährischen Tasov als eines von vierzehn Kindern eines Kleinbauern, der sich dreimal verheiratete, übte Jakub Deml nach Absolvierung des katholischen Priesterseminars in Brünn zwischen 1902 und 1909 an mehreren mährischen Orten seine geistliche Tätigkeit aus, geriet aber bald in Konflikt mit der geistlichen Obrigkeit. Gerade erst zweiunddreißigjährig wurde der "weiße Rabe unter den Schwarzen", wie er sich selbst nannte, vom Pfarrdienst suspendiert, vorgeblich seiner wenig zölibatären Neigungen wegen, in Wahrheit wohl, weil er die Diskrepanz zwischen seiner ursprünglichen Berufung und der amtskirchlichen Realität mit ihrer Scheinheiligkeit und ihrer autoritäten Starrheit nicht ertrug und dem auch öffentlich immer wieder Ausdruck verliehen hatte.

Der jahrelang in bitterer Armut in Prag und der tschechischen Provinz Herumvagabundierende, der sich nicht als abgefallener, sondern als verstoßener Priester fühlte, ließ sich, nachdem ihn das Prager Erzbistum auch aus Prag verwiesen hatte, 1922 mit seiner Köchin und Muse Pavla Kytlicovä in einem kleinen Haus in seinem Heimatort Tasov nieder, das ihm ein junger Architekt und Verehrer auf eigenes Anerbieten gebaut hatte und das Demi bis zum Ende seines Lebens nicht mehr verlassen sollte. Bald pilgerten die jungen Prager Dichter nicht mehr nur nach Paris, sondern auch nach Tasov, schließlich hatte Otokar Brezina, eine der Vaterfiguren der modernen tschechischen Poesie, Deml als einen einheimischen William Blake ausgerufen, einen modernen Mystiker also.

Dieser Mystiker war freilich so streitsüchtig wie fromm. Wie Léon Bloy, mit dem er korrespondierte, war er ein genuiner Polemiker und Provokateur, der sich bei seinem Kampf für das Gute allzuoft böse ins Unrecht setzte. Spott- und Verehrungssucht lagen bei Deml so nah beisammen wie Verzweiflung und Verzückung, wie Demütigkeit und Selbstherrlichkeit, Einfachheit und Exaltiertheit. "Mein Leben wird ein unfreiwilliges Paradoxon sein", schrieb er einmal, "das Höchste werde ich mit dem Niedrigsten vereinen."