Von Jörg Hettler

Es gibt Plastik, und es gibt Kunststoff. Das Wort Plastik ist nach Meinung der Industrie negativ besetzt und eignet sich höchstens für Plastik-Abfälle, die man am besten verbrennt oder ins Ausland schafft. Kunststoff dagegen ist ein "umweltfreundlicher und zukunftsweisender Werkstoff" (Verband der Kunststofferzeugenden Industrie). Polyethylenterephtalat, kurz PET, ein modernes, hochtransparentes und bruchsicheres Material, ist zweifelsfrei ein Kunststoff. Unbeschadet von dem Imageverlust seiner Konkurrenten Polyethylen, Polypropylen und Polystyrol, die auf den Müllbergen des Dualen Systems der Wiederverwertung harren, hat PET in Form der Mehrweggetränkeflasche einen Siegezug sondergleichen angetreten.

In den Vereinigten Staaten kam man schon Mitte der siebziger Jahre auf die Idee, aus dem in der Textilindustrie beliebten Polyester ("Trevira", "Dralon") Getränkeflaschen herzustellen. Mitte der achtziger Jahre übernahm die deutsche Coca-Cola den Behälter aus Amerika, anfangs noch als Einwegsystem. Seit 1990, als die 1,5-Liter-PET-Flasche in der Mehrwegvariante auf den Markt kam, registriert die Industrie jährlich zweistellige Zuwachsraten. Großabfüller Coca-Cola wird in diesem Jahr über ein Viertel aller Getränke in der Leichtflasche verkaufen. Künftig will das Unternehmen vielleicht ganz auf Glas zu verzichten.

Uwe Kleinert von der Coca-Cola-Deutschlandzentrale in Essen spricht von einem "sensationellen Markterfolg: In nur zwei Jahren hat sich parallel zum steigenden Absatz unser Mehrweganteil dank PET von 67 Prozent auf 75 Prozent erhöht." Im gesamten deutschen Getränkemarkt ist der Mehrweganteil im gleichen Zeitraum um etwa vier Prozent auf heute 76 Prozent gestiegen. Dabei war die PET-Einführung einer der Hauptfaktoren. Marketingexperten haben festgestellt, daß die Leichtflasche vor allem bei den Hausfrauen gut ankommt: Sie sind froh, an einem Kasten Limonade in PET-Flaschen rund zehn Kilo weniger schleppen zu müssen als an einem Kasten mit Glasflaschen.

Dabei fürchteten Umweltschützer anfangs das Schlimmste. Als Coca-Cola 1986 die PET-Einwegflasche auf den deutschen Markt brachte, sahen Mehrwegfreunde nämlich eine neue Lawine von Einwegbehältern anrollen, zumal das 1,5-Liter-Leichtgewicht in direkte Konkurrenz zur etablierten Glasflasche trat. Doch mit einem Zwangspfand für Plastikflaschen schob der Bonner Umweltminister Klaus Töpfer dieser Entwicklung einen Riegel vor. Zähneknirschend rüsteten die Cola-Abfüller den Einweg- zum Mehrwegbehälter auf. Zwar sahen Abfallexperten vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) das nur als einen Trick an und fürchteten, die angebliche Mehrwegflasche würde nach wenigen Umläufen auf dem Müll landen. Doch mittlerweile sind die PET-Abfüller zuversichtlich, mit ihrem Behälter mindestens die gleichen Umlaufzahlen wie die Glasflasche zu erreichen, die es auf etwa dreißig Neubefüllungen bringt. Der Bund mußte seine Bedenken revidieren.

Auch beim Recycling hat sich die Lage geändert: Zwar könnten kaputte PET-Flaschen eingeschmolzen und zu neuen Behältern verarbeitet werden; das internationale Lebensmittelrecht aber verbietet – wie bei anderen Kunststoffen auch – ein solches Direktrecycling. Also begab sich der amerikanische Hersteller Hoechst Celanese auf die Suche nach einem anderen Verfahren und fand die sogenannte Methanolyse, die mittlerweile in Amerika schon eingesetzt wird.

Außerordentlich günstig für die PET-Recycler ist die Tatsache, daß die ausgemusterten Flaschen vorher durch die Reinigungsanlage des Abfüllbetriebes gelaufen sind und daher recyclingfeindliche Verschmutzungen, wie sie etwa bei den Plastikabfällen des Dualen Systems Kopfschmerzen bereiten, kein Thema sind. "Für ein vernünftiges Kunststoffrecycling muß das Material sauber und sortenrein sein. Diese beiden Voraussetzungen sind bei PET erfüllt", sagt Max-Rainer Gerth vom Flaschenhersteller Continental PET Europe in Mendig in der Eifel.