Von Rolf Michaelis

Zwei Stunden reines Tanz-Vergnügen. So unbeschwert hat die eher grüblerisch nach Formstrenge strebende Belgierin für ihre Gruppe "Rosas" noch nie choreographiert. Als ob der Anfangsvers der ersten Arie, "Un moto di gioia", "eine Regung von Freude", dem kleinen Tanz-Konzert nicht nur den Untertitel, sondern auch Programm und Tonart geben sollte.

Die freudige Erregung, zu der sich eine junge Frau mit den ersten Tönen bekennt, erwächst sehr mozartisch und sehr keersmaekerisch, wenn nicht aus einem Grundgefühl, so doch aus der Ahnung von Leid, Trennungsschmerz, Trauer, Tod. Schon im vierten Vers wird von "timor", von Angst gesungen. So verspielt das neue Tanzstück ist: kein "Keersmaeker light". Nicht nur, wozu die Abfolge von Konzert-Arien verführen könnte, ein munteres Mozart-Potpourri, sondern doch ein heitertrauriges Spiel von Liebe, Abschied, Verfehlen und flüchtigem Glück.

Ein brauner Konzertflügel im Dunkel der Bühne, sechs grüne Versatzstücke als Andeutung der zur Rokoko-Zeit in Bosketten gezähmten Natur, ein paar weiße Gartenstühle und im Orchestergraben zu ahnen das Haus-Ensemble des Théâtre de la Monnaie: Das ist alles, was Herman Sorgeloos an Ausstattung zuläßt.

Das Wichtigste hätten wir jetzt fast vergessen: den in Intarsien-Arbeit aus hellem und dunklem Holz gefugten Parkett-Boden, der in Jean-Luc Ducourts Licht-Regie nicht nur mal golden schimmert oder als düstere Tenne für einen Totentanz droht, sondern zum Mitspieler wird – vor allem für die Tänzerinnen, die gern die zarten oder üppigen Kunstwerke ihrer Rokoko-Schuhe ausziehen, noch lieber: sie sich vom knienden Verehrer abstreifen lassen, um barfuß in den Liebesreigen zu taumeln.

Neu ist auch: der erotische Zauber bei "Rosas". Sind die Tänzerinnen bisher nicht meistens in schwarzen Springer-Stiefeln dahergekommen, deren Brutal-Design durch darüber gerollte weiße Söckchen kaum gemildert war? Rudy Sabounghi spielt virtuos mit den Kostümen des 18. Jahrhunderts, goldbetreßten Fräcken in leuchtenden Farben, und der Gärtnerinnen-Mode, zu der sich die Damen zu Mozarts, Casanovas und Marie-Antoinettes Zeiten aus den Schnür-Panzern der Brokat- und Samt-Gewänder ihrer barocken Eltern befreit hatten. Die über den Hüften gerafften, farbenfrohen Kleider öffnen sich wie Theater-Vorhänge nicht auf Zier- und Unterröcke in helleren Farbtönen, sondern auf bloße Beine und Seiden-Shorts. Manchmal steckt Sabounghi Tänzerinnen in Wolken von weißem Tüll, so daß wir Sylphiden über die Bühne schweben sehen. Oder er rafft lachsfarbene Stoffe über dem Knie zu Baby-Doll-Kleidchen – und prompt swingen die Girls wie in einer Tanzdiele der Fünfziger.

In nachtblauem Samt treten einzeln oder auch im Ensemble die drei Sopran-Sängerinnen auf: Charlotte Margiono, Isolde Siebert, Elzbieta Szmytka. Sie singen die zehn Arien, bewegen gern aber auch andere Glieder als die Stimmbänder: wagen das eine oder andere Tanz-Schrittchen oder lassen sich noch enger verhandeln. Der Seufzer, mit dem eine Arie endet, wird zum entzückten, erschreckten "Hach!", mit dem sich eine Sängerin von einem Tänzer in die Arme reißen und von der Bühne tragen läßt. Ein andermal vergißt sich ein Tänzer und legt vor der Angebeteten die Kleider ab. Das Hemd fliegt in den Orchestergraben und der Mann der Sängerin in die Arme – und die schleppt ihn ab.