Seit "Adris Brücke", einem Kinderbuch des holländischen Autors Wouter Klootwijk, sehe ich Brücken wieder mit anderen Augen. Die Brücke in meiner Heimatstadt ist kein großartiges Bauwerk, sie überquert eine Straße und drei Eisenbahngleise, sie fällt keinem auf, man geht darüber und wirft manchmal einen kurzen Blick übers Geländer.

Auch Klootwijks Brücke würde man als Erwachsener mühelos übersehen. Sie überspannt nur einen kleinen Fluß. Aber der schmale Landstreifen zwischen Betonfundament und flachem Ufer wird zu einem ganz besonderen Ort, als ihn Martje, Wim und Andri für sich entdecken. Der Platz unter der Brücke verwandelt sich zum Mittelpunkt der Welt - einer Welt, die sich mit den Vorstellungen der erwachsenen Überbrückengeher nicht begreifen läßt. Auch nicht mit deren Erwartung, daß im Buchkinderland etwas Dramatisches passieren muß, um Spannung ins Leben zu bringen. Dramatisch ist nur, daß es nichts gibt, was für die da oben von Bedeutung wäre. Drei Freunde bauen sich ihre Welt, hämmern und nageln aus Brettern ein Haus, versorgen ein Zwerghuhn, angeln mit einer alten Wäschetrommel, errichten einen Ofen aus Auspufftopf und Rohr, kugeln sich vor Lachen, kreischen über jeden Blödsinn, philosophieren über Zukunftsträume, stapfen in Kleidern und Schuhen durch den Fluß, kuscheln sich unter Wolldecken eng aneinander oder genießen schweigend die Stunden, bis Martje "buff" sagt, weil sie manchmal einfach ein Geräusch machen muß, damit es so aussieht, als ob sie etwas mitzuteilen hätte.

Dieser winzige Ort ist in Vergessenheit geraten, seit wir ihn verließen, und Klootwijks Kunst erweckt ihn wieder zum Leben "Wir haben ein prima Haus", stellt Adri fest "Hier wird man nie naß. Im Haus nicht und daneben auch nicht. Unser Haus hat das größte Dach der Welt Und während wir uns in Klootwijks Sprache, die nie konstruiert oder altklug daherkommt, häuslich einrichten, unter der Brücke mitgrinsen und lächeln (Philip Hopmans treffend schlichte Illustrationen helfen dabei), ahnen wir schon, wie vergänglich diese Zeit der bedingungslosen Freundschaft sein wird. Aber auf "Adris Brücke" lehnen wir uns noch mal lange übers Geländer und sehen uns selber zu. Siggi Seuß Aus dem Niederländischen von Silke Schmidt; Anrieh Verlag, Klevelaer 1993; 119 S, 22 80 DM