Von Reinhold Moser

Als Mitte der achtziger Jahre der kommunistische Block zu wanken begann, schließlich die Phalanx der sozialistischen Staaten wie eine Reihe von Dominosteinen zusammenfiel, sprachen westliche Ökonomen schnell von der Freisetzung eines riesigen ökonomischen Potentials, von neuen Märkten direkt vor unserer Haustür. Die Reformstaaten des Ostens würden auf westliches Kapital und Know-how angewiesen sein. Bedeutende Impulse für Wachstum und Wohlstand wurden prophezeit.

Doch plötzlich soll dies alles ganz anders sein, gelten die maroden Staatswirtschaften von gestern als ernstzunehmende Konkurrenz für unsere Wohlstandswelt. Verkehrte Welt! Folgt man – stellvertretend für den mehrheitlich konservativen Ökonomenstand – der Argumentation von Hans-Werner Sinn (ZEIT 45/93), wären Mauer und Stacheldraht besser geblieben. Denn durch die Öffnung der Grenzen drohe unserer Wirtschaft Billiglohnkonkurrenz, die nur die Wahl lasse zwischen massiven Lohnsenkungen im Inland und weiter steigender Arbeitslosigkeit. Für die Mehrheit der Bevölkerung wäre beides mit empfindlichen Wohlstandsverlusten verbunden. Die Aussicht der Kapitalbesitzer auf höhere Renditen wäre da wohl nur ein schwacher Trost.

Wie kann das zugehen? Wie kann die Freisetzung zusätzlichen ökonomischen Potentials im Osten Westeuropas Wohlstand gefährden? Eine Ausweitung des weltweiten Produktionspotentials würde doch, zusätzlich zur "Friedensdividende", wachsenden Wohlstand für alle erwarten lassen. Eine genauere Analyse der Sinnschen Diagnose zeigt, daß sie brüchig ist und angesichts grundlegender ökonomischer Zusammenhänge nicht haltbar, ja gefährlich. Daß damit auch die vorgeschlagene Therapie – massive Lohnsenkungen hierzulande – hinfällig wird, versteht sich von selbst.

Sinn und die Mehrzahl seiner Kollegen argumentieren wie folgt: Die Billiglöhne vor unserer Haustür erlauben es dortigen Herstellern, billig zu produzieren und zu exportieren. Die Folgen sind Beschäftigungsrückgang und Produktionsverlagerungen. So weit – so schlecht.

Was Sinn übersieht: Das durch die Exporte erwirtschaftete Geld wird von den Reformstaaten schnell für Einfuhren ausgegeben. Die Folge ist eine verstärkte Auslandsnachfrage in den entwickelten Volkswirtschaften, also auch in Deutschland. Die durch Billiglohnkonkurrenz verdrängten Arbeitskräfte stehen via verstärkter Auslandsnachfrage schnell wieder in Lohn und Brot – und das ganz ohne Lohnsenkung. Unsere östlichen Nachbarn exportieren ja nur deshalb in den Westen, um im Austausch dafür begehrte westliche Produkte zu erhalten. Daß die Geldwirtschaft dazwischengeschaltet ist, ändert an der Grundtatsache nichts, macht sie allenfalls etwas schwerer erkennbar.

Das alles ist schon seit 1817 bei dem Klassiker David Ricardo nachzulesen und Gegenstand von Pflichtvorlesungen im Wirtschaftsstudium. Vom internationalen Handel profitieren – dank verstärkter Spezialisierung – beide Seiten; sonst würde ein Warenaustausch erst gar nicht zustande kommen. Dies gilt übrigens schon im heimischen Markt: Durch die Spezialisierung stellen sich Bäcker und Metzger besser. Im grenzüberschreitenden Verkehr ist das nicht anders.