Lauter kurze Sätze. Lauter Augenblicke, fixiert in eindringlichen Bildern. Als ob die Figuren des Romans auf einer weiten Ebene agierten, so deutlich sehen wir ihre Bewegungen, so intensiv ihre Gesten. Es ist die Geschichte von Vilja aus Finnland, die Geschichte von Vilja und ihrer psychisch kranken Mutter, die Geschichte von Vilja und ihrem ersten Freund Mana und die Geschichte von Viljas Erinnerungen an ihre Zeit im Kinderheim. Riita Jalonens Roman ist von einer fast asketischen Choreographie: "Auf der Schlittschuhbahn nahe beim Ufer kratzt Vilja mit einer Streichholzschachtel die Umrisse einer Frauengestalt in den Schnee, erst den Körper, dann den Kopf "

Sie liebt Mana, aber sie will ihm nichts erzählen von der Krankheit ihrer Mutter. Das vertraut sie nur ihrem Tagebuch an - und wir dürfen darin lesen. Noch kürzer, noch konzentrierter als der Lauf der Erzählung sind Viljas Eintragungen. Und doch entfaltet diese Kargheit, weil alles so nah rückt, einen ungeahnten Reichtum, das Kleine wird groß. Viel Herbstlicht und Melancholie durchziehen den Roman, aber - fast unmerklich behauptet sich Viljas kraftvolle Beharrlichkeit: "Sie legt sich vorsichtig auf den Rücken, genau in die Umrisse der Frauenfigur, breitet die Arme aus und bewegt sie auf und ab, wie sie es als kleines Kind auf dem Eis des Meeres getan hat. Vilja spürt die Kälte des Eises durch den Mantel hindurch. Sie schaut genau in den Himmel "

Mana liebt Vilja, er hält zu ihr. Am Ende nimmt Vilja ihn mit und zeigt ihm das frühere Kinderheim, den Ort bedrückender Erinnerung. Sie hat ihre Geschichte aufgeschrieben, und jetzt kann Mana sie endlich lesen. Das ist für Vilja wie ein Siegel auf die Befreiung von schweren Träumen: "Auf einmal kam eine schwere Platte von der Zimmerdecke geschwebt. Sie hat mich plattgedrückt wie eine Ausschneidepuppe, und Mutter hat mit einem Bleistift meine Umrisse nachgezogen. Der Traum hat damit aufgehört, daß Mutter eine Schere aus der Küche geholt und mich an der Bleistiftlinie entlang ausgeschnitten hat "

Jetzt sagt sie zu Mana: "Komm. Nimm mich in den Arm, ich bin ganz leicht Riita Jalonens Roman ist - zwischen unscheinbaren Buchdeckeln ein Erlebnis. Reinhard Osteroth Aus dem Finnischen von Anu PyykönenStohner und Friedbert Stohner; Verlag Herder, Freiburg i Br, 1993; 96 S , 16 80 DM