Von Jan Feddersen

Reisemarschall Peter Scholler guckt angestrengt auf seine Armbanduhr und hebt nur zaghaft den Blick zur Bühne, wo sich zwölf Mimen des Hamburger Thalia-Theaters verbeugen, immer wieder, ehe der Beifall schließlich verebbt: "Elf Minuten", ächzt der glatzköpfige Mann, Tonmeister an der zweiten großen Staatsbühne Hamburgs, "nur elf Minuten." War nicht auch Yoko Ono gegangen, und zwar schon in der Pause?

Kurzum: eine Katastrophe. Bei der Hamburger Premiere des Erfolgsstücks "The Black Rider", am 31. März 1990, hatte sich das Publikum noch derart frenetisch begeistert gezeigt, daß die Schauspieler samt Regisseur Bob Wilson, Komponist Tom Waits und Texter William Burroughs erst nach anderthalb Stunden von der Spielstätte entlassen wurden – was nicht zuletzt Bob Wilson selbst am meisten überraschte. "Wissen Sie denn, warum den Leuten das Stück gefällt?" soll er damals alle gefragt haben, die ihm über den Weg liefen.

Und hatte Bob Wilson nicht schon in der Pause hinter den Kulissen der Brooklyn Academy of Music (BAM) hektisch zur Zigarette gegriffen und, mit Tränen in den Augen, den Eindruck gemacht, als wollte er sich gleich vom Schnürboden stürzen? Ein dramatischer Abgang gleichsam als trauriges Vermächtnis der vor allem von seinen Landsleuten unverstandenen Lust, das Theater vom Kopf auf die Füße zu stellen, nämlich dem Treiben auf den sogenannten Brettern, die die Welt bedeuten, jedweden Naturalismus auszutreiben? Da steht er nun, traurig wie ein Kind, dem sein Quietscheentchen ertrunken ist.

Trotzdem bewahrt er Haltung. Immer wieder schüttelt er den Kopf, blinzelt hinter seiner sehr neutralen, sehr designten schmalen Hornbrille und sagt mit eisiger Stimme, irgendwohin in die Weite der Bühnenwerkstatt: "Nein, so geht es nicht, wir müssen noch mal proben, das Licht, ich sage nur: das Licht." Was ihm nicht paßte, war, was später Thalia-Intendant Jürgen Flimm als deformation professionelle bezeichnete, Mißlichkeiten im Detail, die bestenfalls Theaterexperten auffallen. Das Personal an den Einzelscheinwerfern suchte die Köpfe der Darsteller, fand sie oft nicht und beschenkte den Regisseur ungebetenerweise mit ganz eigenen, irrlichternden Lichteffekten.

Eine Katastrophe also? Der unrühmliche Abschluß eines Ausflugs in die große weite Welt, auf die andere Seite des Atlantiks, nach New York, dorthin, wo Amerikaner und manche Europäer den Theatergipfel vermuten? Am besten, man erzählt die Geschichte dieses Trips von Anfang an.

Ende der achtziger Jahre war es, als Ludwig von Otting, der Technische Direktor des Thalia-Theaters, und Intendant Jürgen Flimm gegen manchen Widerstand aus dem eigenen Haus die Millionenproduktion durchsetzten. Freilich: Die Kosten mußten, sollten wieder eingespielt werden, irgendwie. Hamburgs Theatergänger mochten das Stück, obwohl die überregionalen Kritiker ob der berechnenden Gags und des kalkulierten Erfolgs der Inszenierung die Nasen rümpften.