Von Maria Huber

Engels (Saratow)

Wie steht Engels zu den Wahlen in Rußland? Die drittgrößte Stadt des Gebiets Saratow an der Wolga zählt 200 000 Einwohner. Einer spricht für viele, als er bei der Versammlung der Kommunen in und um Engels sogar Voltaire ins Feld führt. Voltaire gegen Jelzin, Gajdar und den Privatbesitz an Boden – da nicken viele Kommunalpolitiker anerkennend. Mit der Autorität eines Schullehrers verbreitet der Belesene, daß schon der große französische Aufklärer gesagt habe, jeder dürfe nur so viel Boden besitzen, wie er bearbeiten könne. "Und ich sage", so beschwört der Redner den örtlichen Kollektivgeist, "einen Betrieb kann man verkaufen. Den Boden nicht. Privatbauern werden das Land nicht ernähren, nicht einmal sich selber. Und die Städter sind Spekulanten." Im großen Saal des vormaligen Stadtsowjets herrscht Zustimmung.

Eigentlich sollten die Ortsvertreter aus achtzehn umliegenden Landkreisen über den Energienotstand beraten, statt über die Bodenreform zu richten. Doch der Verwaltungschef hatte die Geschäfte unterbrochen und den Wahlkampfauftritt eines Politikers angekündigt: "Walerij Nikolajewitsch Dawydow kandidiert für den Bundesrat in Moskau. Wie Sie wissen, hat in diesem Oberhaus des Parlaments jedes Föderationssubjekt, so auch unser Gebiet Saratow, zwei Sitze. Darum bewerben sich bei uns vier Kandidaten." Walerij Nikolajewitsch ist Gründungsmitglied der Bewegung "Demokratisches Rußland", die sich jetzt dem Block "Rußlands Wahl" angeschlossen hat.

Dawydow, 53jähriger Direktor eines bereits kommerziell geführten Instituts für Wirtschaftsinformatik, spricht über Effizienz und Verantwortung. Er hat der KPdSU schon 1990 den Rücken gekehrt. Wie der Spitzenkandidat von "Rußlands Wahl", Vizepremier Viktor Gajdar, versucht auch Dawydow zu erklären, warum die Lage so schwierig ist. Nur vorsichtig schiebt er nach, weshalb und wo Umdenken unvermeidlich wird.

"Wenn Sie nichts versprechen, warum sollen wir Sie dann wählen?" ruft der Mann, der Voltaire zum Zeugen für begrenzte Hektarflächen aufbereitet hat. Dawydow geht nicht auf die Attacke ein, wohl aber auf den Angriff gegen Jelzins Bodendekret: "Wenn ein Betrieb verkauft werden darf, der Boden aber nicht – dann kann jede Behörde jedes Privatunternehmen mit dem Pachtzins ständig erpressen. Bei uns geht doch Macht noch immer vor Gesetz."

Die meisten Zuhörer haben andere Sorgen. Sie setzen Privateigentum mit zunehmender Arbeitslosigkeit gleich. Eine schmächtige, von harter Arbeit gezeichnete Frau will wissen, warum der Reformer Dawydow gegen Sozialismus sei: "In Schweden haben wir Sozialismus. Und den Menschen geht es sehr gut." Und was haben die Menschen in Engels? Ein paar Hauptstraßen mit ein paar soliden Bürgerhäusern. Der Rest der "Stadt" besteht aus kleinen Hütten, meist aus Holz. Nur auf den Anhöhen, wo die Luft besser ist, stehen zwei moderne Siedlungen vor der Fertigstellung. Eine für die Reichen, die andere für die Superreichen. Die Reichen werden nicht mehr nur beneidet, sie werden auch gefürchtet. Sie haben Waffen, und sie schießen oder lassen schießen, auf Störenfriede, Konkurrenten, Polizisten.