Es gibt sie wieder, schon wieder - diese antisemitischen Spiele. Nur können sie heute, anders als damals im Deutschland der Nazis, auf dem Computer gespielt werden. Haß als Gesellschaftsspiel: Schmeißt du meinen Juden raus, schmeiß ich deinen Juden raus. Dies ist eine von fast 600 Abbildungen, neben 200 Karten, aus einer neuen "Universalgeschichte der Juden", die in Paris und Tel Aviv konzipiert und geschrieben wurde, betreut von einer erlesenen Schar namhafter Wissenschaftler. Und das Thema Antisemitismus, ob deutscher, sowjetischer oder polnischer Abart, ist nur eines am Rande dieser viertausend Jahre anschaulich und übersichtlich zusammenfassenden Enzyklopädie des Judentums.

Sie will gerade, wie der Herausgeber Eli Barnavi in seinem Vorwort postuliert, Geschichte nicht als "kontinuierliche Abfolge von Leiden, Pogromen und nationaler Erlösung unter dem Motto alle gegen uns" vorstellen. Darum wird, wohl zur Überraschung mancher eingeweihter Leser, mehr über jüdische "Siege" als über jüdische "Niederlagen", über Leben mehr als über Tod, über Leistung und Erfolg häufiger als über Trauer und Leiden, Vertreibung und Vernichtung berichtet. Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft, Musik, Sprache, Integration, Staatsaufbau in den verschiedenen Epochen dieses alten Volkes nehmen breiten Raum und gebührenden Platz ein. Das führt dann zu erstaunlichen Entdekkungen auf der Lesereise durch die Jahrhunderte.

Dennoch: Von der Welt Abrahams bis zur Friedenskonferenz in Madrid vom Oktober 1992 zieht auch der "Treck durch einen dunklen und schmutzigen Tunnel" (Barnavi), durch jene zwanzig Jahrhunderte Exil der Juden. Und das bedeutet oft Zerwürfnisse und Zerstörungen, Massenzerstreuung und Massentod. Die heimelige Welt des Stetl war auch stets eine Welt aus Angst und Armut. Wie das strahlende Bild des jungen Staates Israel auch seine dunklen Flekken trägt. Noch ist das "wandernde" Volk der Juden nicht zur Ruhe, zum Frieden gekommen, auch zum Frieden mit sich selber nicht. Davon gibt es auf den letzten Seiten dieses Buches ebenfalls genügend Hinweise. Es ist, kurzgesagt, die bittere Folge des Schicksals dieses Volkes seit Anbeginn, daß es zuviel Geschichte und zuwenig Staat hatte.

So ist dieses historische Kompendium mit seinen Texten, Tabellen und Zeittafeln von besonderer Art: Es demonstriert nicht nur eine Welt in allen ihren Winkeln und Verästelungen; es dokumentiert auch ein Schicksal. Es bewahrt jenen Atlas auf, der durch die Jahrhunderte auf einem Volk lastet wie auf keinem sonst.

Von den Ursprüngen bis zur Gegenwart.

Ein historischer Atlas. Hrsg der deutschen Ausgabe: Frank Stern; Verlag Christian Brandstätter, Wien 1993; 299 S, Abb , DM