Wie in kaum einer anderen europäischen Stadt war mit der Industrialisierung der Jahrhundertwende in Amsterdam ein jüdisches Proletariat entstanden. Im traditionellen Judenviertel auf den von Kanälen, umgebenen schmalen Inseln Uilenburg und Marken im Nordosten der Stadt, lebten mehr als siebenmal so viele Menschen wie in anderen Stadtteilen. Enge und Armut, die Karren der fliegenden Händler und die Geschäfte auf den eigentümlichen Märkten zogen neugierige Touristen und wohlmeinende Schriftsteller an.

In den Niederlanden hatten Juden schon früh die Bürgerrechte erhalten, die jüdischen Arbeiter blieben vom wichtigsten Industriezweig Amsterdams, dem Hafen, allerdings ausgesperrt. Sie wurden in unsicheren Branchen, der Textil, Tabakund Diamantenindustrie beschäftigt. Einerseits war jeder zehnte Einwohner Amsterdams Jude, andererseits wurde gerade in den Niederlanden, wo der jüdische Teil der Bevölkerung so eingebürgert schien, der deutschen Besatzungsmacht der Mord an den Juden leichtgemacht.

Achtzig Prozent der niederländischen Juden sind umgebracht worden. Vom jüdischen Proletariat Amsterdams, seiner Kultur und Lebensweise ist nichts übriggeblieben.

Weite Teile des Buches der niederländischen Historikerin Selma Leydesdorff sind den Verfahren der Oral History verpflichtet. Wie sollen Überlebende, Davongekommene über Erfahrungen und Erinnerungen aus einer Zeit reden, die von der Schoah abgebrochen wurde? Die Autorin weiß, daß sie es mit Trümmern der Erinnerung zu tun hat, und sie erklärt in ausführlichen Reflexionen ihrer Arbeitsweise das Verhältnis von Interviews und Erzählungen zur eigenen Aufgabe, Struktur in das Gesagte zu bringen, es zu bestätigen oder zu verwerfen und die Verzerrungen mit Hilfe eigener Kenntnisse zurechtzurücken. Auch daß sie ihr methodisches Vorgehen kenntnisreich in den Kontext neuerer Forschungen über "mündliche Quellen der Geschichtsschreibung" rückt, macht dieses 1987 erstmals erschienene Buch zu einem außergewöhnlichen Dokument gelungener Erinnerungsarbeit. In der behutsamen Konfrontation gesicherter Quellen mit den Erzählungen der Interviewten werden Stationen und Einrichtungen aus der Geschichte des Amsterdamer jüdischen Proletariats rekonstruiert.

Im Alten Viertel waren die jüdischen Arbeiterfamilien zwischen 1910 und 1920 umstrittene Objekte sozialdemokratischer Kommunalpolitik. Die städtische Gesundheitsfürsorge schwankte zwischen aufgeklärter Assimilationsstrategie und dem Versuch, das "jüdische Milieu" auch deshalb zu erhalten, weil dort Trunksucht und Syphilis weniger verbreitet schienen.

Nach dem Ersten Weltkrieg wird das Alte Viertel abgerissen, neue Wohnungen werden außerhalb dss Ghettos (um das es sich beim Judenviertel zweifellos handelte) errichtet. Das jüdische Leben droht zwischen Tradition und modernen Wohnutid Lebensformen, die von der Stadt unterstützt werden, zu zerreißen. Religiöse Bindungen konkurrieren mit politischer Aktivität. Dann folgen mit der Weltwirtschaftskrise Arbeitslosigkeit, verschärfte Wohnungsnot, Hunger und Verelendung. Wie sich in die Erinnerung an Armut und Elend, an den Niedergang der jüdischen Ökonomie Splitter eines guten Lebens einblenden, Fragmente mühsam bewahrter Gedächtnisbilder von der Familie etwa, die am Freitagabend am Tisch mit weißer Decke sitzt, auch das zeugt vom Gelingen des Versuchs, "objektive" mit "subjektiver Geschichte" zu verknüpfen. Noch das geringste Glück wird aufgeboten, um eine Balance mit den Schrecken des erlittenen Lebens zu finden. Das letzte Kapitel über die jüdische Armenpflege, über die Zedaka, die verpflichtende Wohltätigkeit und Gerechtigkeit, zeichnet den verzweifelten Kampf nach, noch unter der deutschen Besatzungsmacht die elementare Fürsorge mit dem Versuch zu verbinden, die jüdische Identität zu bewahren.

Das Buch endet mit dem Beginn der Deportationen. Mit der bohrenden Frage, ob das Vertrauen, das zwischen den beiden Weltkriegen den charismatischen Leitern der jüdischen Armenpflege entgegengebracht wurde, der "blinden Ergebenheit" entsprach, das, als die Verschleppung begann, gegenüber dem Judenrat an den Tag gelegt wurde. Das jüdische Proletariat von Amsterdam konnte seiner Vernichtung keinen nennenswerten Widerstand entgegensetzen.