Hessen 3, Sonnabend, 4. Dezember, 22.40 Uhr: "Nicht löschbares Feuer" und "Ein Bild" von Harun Farocki

An fünf Tagen im Juli 1983 drehte Harun Farocki im Photostudio der Zeitschrift Playboy die Produktion einer erotischen Fata Morgana: Wie aus einem Raum ohne Räumlichkeit, einem Licht, das keine Schatten wirft, und einem Mädchen, das nur mit hochhackigen Pumps bekleidet ist, ein Photo für die Mittelseiten eines Herrenmagazins entsteht. Die Konstruktion einer Geheimwaffe, die jeden Monat neu erfunden werden muß und dem Photographen, seinem Assistenten, dem Ausstatter und der Maskenbildnerin ein Höchstmaß an Pedanterie abverlangt.

Dem "lasziv" hingestreckten, beängstigend um die Körperachse verrenkten Model werden immer wieder Posen aufgenötigt, die der Photograph selbst schließlich als "spastisch" verwirft. Man baut die Szene um und erfindet neue Torturen, während die Maskenbildnerin die erogenen Zonen der Schönen mit einem Pinsel bearbeitet, als gelte es, ein ramponiertes Gemälde zu restaurieren.

Der Voyeurismus des Dokumentarfilmers Farocki ist in unserer an Filmtalenten arm gewordenen Republik ohne Beispiel. Sein Blick ist beharrlich auf die Konstrukte unseres synthetischen Alltags gerichtet, auf die erfindungsreiche Schwerarbeit, mit der in den Industriegesellschaften die Wirklichkeit (was ist das eigentlich?) umgebaut, mehr oder weniger genial manipuliert und täglich neu erschaffen wird. In seinem Film "Ein Bild" gibt es nur wenige, beinahe zufällige Blicke auf das nackte Mädchen; die Kamera bewegt sich hinter den Kulissen und Apparaten, sie verfängt sich in Scheinwerferkabeln und wandert dem kettenrauchenden Photographen hinterher, um herauszufinden, wie aus vorgeformten Mustern, "Styling", Technik und mathematischem Kalkül ein Sehnsuchtsbild gemacht wird.

Seit 1969 produziert Farocki, hauptsächlich für das ARD-Fernsehen, seine "Essay-Filme" – es muß seiner Vertracktheit, seinem spröden Gestus zuzuschreiben sein, daß ihm erst jetzt (im Dritten Programm des Hessischen Rundfunks) eine "Werkschau" gewidmet wird.

Farockis Thema sind die Aporien unserer Industriezivilisation. Es geht ihm um die Prothesen und Simulationen in unserem Leben, um die fatalen und grotesken Verformungen, die das Diktat von Leistung und Konsum uns zugefügt hat.

1968 flog Farocki mit siebzehn weiteren Studenten wegen rebellischer Umtriebe von der Berliner Filmakademie; ein Jahr später entstand mit "Nicht löschbares Feuer" der wichtigste Agitprop-Film der Vietnam-Bewegung. Ein Traktat über Napalm-Produktion, Arbeitsteilung und fremdbestimmtes Bewußtsein – von brechtischer Kargheit, lehrhaft im Stil, schneidend in der Diktion: heute ein Dokument für den pädagogischen Rigorismus der 68er, aber auch für ihr Vermögen, komplizierte Zusammenhänge so zu erhellen, daß Kapieren und Agieren für viele der Generation zu einer selbstverständlichen Einheit wurden. Ein tödlich ernster Film – erst die späteren Arbeiten Farockis bereichern das dialektische Argument um Witz und Ironie und gewinnen der Arbeit mit Bildern jene Sinnlichkeit hinzu, ohne die Erkenntnis zum Dogma erstarrt. Klaus Kreimeier