Bernd K. hat einen Traum. Im Februar will er mit seinem Kumpel für zwei Wochen nach Spanien verreisen, raus aus dem trüben Berlin, rein in die Sonne. Zehn Jahre war er nicht mehr im Ausland. Der geplante Trip in den Süden wird, wenn er zustande kommt, vermutlich sein letzter sein. Bernd K. ist 34 Jahre alt, drogenabhängig, seit 1988 HIV-positiv und mittlerweile an Aids erkrankt. Über die Hälfte seines Lebens war er "auf Trebe", wohnungslos, untergekrochen bei Freunden, auf Entzug im Krankenhaus und für sechs Jahre auch im Gefängnis wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittel-Gesetz. Vor seinem letzten Klinikaufenthalt im August hat er in einer Männerpension "vegetiert", wie er sagt. Eingewiesen vom Sozialamt für achtzig Mark die Nacht. Seine Bettnachbarn Fixer wie er oder alkoholkrank, Zimmer ohne jede Einrichtung. Sein Zustand: "Am Ende, total vereinsamt, ohne jeden Lebenswillen."

Zwei Monate später sitzt Bernd in einem lichtdurchfluteten Atrium auf bequemen Polstersesseln. Neuer blauer Teppichboden, schwarze Lacktische, Bilder an den Wänden, ein Fernsehgerät und Grünpflanzen machen aus dem Raum das, was für Bernd und sieben weitere Aids-Kranke geworden ist: ein Zuhause, sein erstes und, wenn es nach ihm geht, auch sein letztes. "Hier will ich sterben", sagt Bernd K. – und lacht.

Daß er wieder von einer Reise in den Süden träumen kann, verdankt er einem Projekt, das in seinem Konzept bisher einzigartig in der Bundesrepublik ist. Seit vier Monaten unterhält die Gemeinnützige Gesellschaft zur besseren Wohnraumversorgung für Kranke und Hilfsbedürftige ziK (zuhause im Kiez) in der Bernburger Straße mitten in Berlin-Kreuzberg einen eigenen Gebäudeteil einer Neubauwohnanlage. Auf drei Etagen leben hier acht Aids-Kranke in eigenen Zimmern, jeweils zwei teilen sich Bad und Küche, außerdem gibt es eine große Wohnküche im ersten Stock und den Gemeinschaftsraum mit Atrium im dritten. Ein Aufzug verhindert, daß jene wieder ausziehen müssen, die zu schwach zum Treppensteigen werden.

Ähnlich wie Bernd K. haben auch die anderen sieben Bewohner des Hauses das Leben eher von der Schattenseite kennengelernt: lange Drogen- und Knastkarrieren, Obdachlosigkeit oder "Läusepension", Daueraufenthalte in Klinik oder Psychiatrie, Verlust von Freunden und Familie, Einsamkeit, Verzweiflung, Suizidversuche. Von den fünf Männern und drei Frauen sind sechs noch immer drogenabhängig. Sie werden vom Arzt mit Polamidon substituiert, sind damit unabhängig von der Drogenszene und weg von den alten "Freunden", die als Dealer in den einschlägigen Unterkünften die Runde machen. Wer ernsthaft erkrankt, wird durch einen externen Pflegedienst medizinisch versorgt und betreut. Keiner landet mehr unnötigerweise im Krankenhaus. "Diese Menschen fallen, wenn sie an Aids erkranken, durch alle Raster", sagt der Sozialarbeiter Christoph Labuhn, der Leiter des Projektes "Betreutes Wohnen". "Entlassen aus Knast, Psychiatrie oder Klinik, landen sie auf dem Sozialamt. Von dort werden sie dann in Notunterkünfte eingewiesen, wo sie sowohl mit ihrer Drogensucht als auch mit ihrer Krankheit allein bleiben."

In der Bernburger Straße kümmert sich ein sozialpädagogisches Team um die individuelle psychosoziale Betreuung der Kranken. Labuhns Mitarbeiterinnen haben alle bereits in Aids-Projekten gearbeitet, wissen mit Krisen, Depressionen, Leiden, Schmerzen und Tod umzugehen. Die Betreuerinnen helfen bei Behördengängen, leisten Schuldnerberatung, unterstützen die Kranken bei der Beantragung von Mitteln beim Sozialamt. Sie begleiten aber auch die gruppendynamischen Prozesse in der Wohngemeinschaft. Ab und zu wird gemeinsam gekocht, auch Kinobesuche und Ausflüge stehen auf dem Programm. Jeder soll so "normal" wie möglich im Hause leben können.

Seit Bernd K. in der Bernburger Straße wohnt, erhält er regelmäßig Besuch von seiner Mutter, die "sich vorher kaum an mich rangetraut hat". Sie bringt ihm Sachen zum Anziehen oder Lebensmittel mit und ist nach den Worten von Projektleiter Labuhn "unendlich dankbar für das, was wir hier machen". Bernd selber sagt, seit Jahren stehe er zum ersten Mal wieder mit Freude auf, esse regelmäßig, habe jemanden zum Reden und brauche keine Komplexe wegen seiner Krankheit zu haben, "denn die anderen haben sie ja auch". Er, der gesundheitlich noch einigermaßen stabil ist, wird durch die anderen Mitbewohner allerdings Tag für Tag mit dem konfrontiert, was ihn noch erwartet. Eingezogen ist er in das Zimmer von Frank W., der im Wohnprojekt gestorben ist. "Das macht mir nicht soviel aus", sagt Bernd. "Ich erfahre hier so viel Menschlichkeit und Unterstützung, daß ich mit viel Rückgrat rangehe an alles, was kommt."